Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Wir leben in einem wunderschönen Haus am Rande von Ingolstadt, dort, wo die Stadt langsam in Wiesen und Felder übergeht. Mein Mann arbeitet als Manager bei Audi – seinem Beruf verdanken wir dieses kleine Paradies mit Blick auf die Natur.
Eines Abends machte ich mich mit unserem Labrador Rocky auf den Weg zu einem Spaziergang. Ausnahmsweise begleiteten mich auch meine Zwillinge. Acht Jahre alt – und meist nur schwer zu bewegen, mitzukommen.

Die Sonne stand tief und tauchte die Felder in ein warmes, goldenes Licht. Rocky rannte ausgelassen über die Wiesen – ein wunderschöner, friedlicher Spätsommerabend. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich endlich einmal mit den Jungs über die Schule zu unterhalten. Doch mitten in unser Gespräch hinein fuhr Rocky plötzlich auf, stürmte los – über das Feld, als hätte ihn ein unsichtbarer Ruf gepackt.

Ich rief, pfiff, schimpfte – vergeblich. Er musste eine Spur aufgenommen haben, ein flüchtendes Tier vielleicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er schließlich zurück. Und sofort sah ich: Er hatte etwas im Maul.

Als er näherkam, stockte mir der Atem. Vor ihm lag ein winziges, zitterndes Bündel – ein junges Häschen. Es bewegte sich kaum, der rechte Hinterlauf blutete, das Herz schlug rasend unter dem dünnen Fell.

Für meine Jungs war der Fall klar: Drama pur – und sofortiger Handlungsbedarf.
„Mama! Wir müssen zum Tierarzt! Sofort! Sonst stirbt es noch!“
Ihr Ernst und ihre Entschlossenheit ließen keinen Widerspruch zu. Also wickelte ich das Häschen vorsichtig in meine Jacke, trug es nach Hause, setzte es in Rockys Transportbox und fuhr los.

Unser Tierarzt kennt uns gut – er war es gewohnt, Rocky zu versorgen, aber ein Feldhase war auch für ihn etwas Neues. Er hörte sich geduldig die aufgeregten Erklärungen meiner Söhne an, schmunzelte und begann, das Tier zu untersuchen.
„Na, schauen wir uns den kleinen Patienten einmal genauer an.“ Seine Hände tasteten sanft den winzigen Körper ab. Dann sah er mich an.
„Das ist nicht gut“, sagte er leise. „Der Oberschenkel ist gebrochen, der Knochen steht hervor. Mit so einer Verletzung überlebt ein Feldhase in der Natur nicht.“

„Man müsste operieren“, fügte er hinzu.
„Kann man das?“, riefen die Jungs fast gleichzeitig.
Der Arzt lachte. „Natürlich kann man das. Aber ich glaube nicht, dass sich das die Haseneltern leisten können.“
„Mama, aber wir! Wir bezahlen das! Bitte!“
„Kinder, das geht doch nicht. Eine Operation kostet viel Geld, selbst für Rocky wäre das schon teuer.“
„Aber Mama, er stirbt sonst!“

Ich seufzte. „Das muss ich erst mit Papa besprechen.“
Ein kurzer Anruf – eine aufgeregte Diskussion – und schließlich die Bedingung:
„Wenn ihr helft und euer Taschengeld dazugebt, machen wir’s.“

Und so geschah es.

Der kleine Feldhase bekam ein Titanimplantat mit acht winzigen Schrauben in seinen Oberschenkel eingesetzt. Die Wunde wurde mit selbstauflösenden Fäden vernäht, der Verband sah fast professioneller aus als der von so manchem Fußballspieler.

Als der Hase aus der Narkose erwachte, erklärte der Tierarzt den Jungs mit einem Schmunzeln:
„Er braucht jetzt viel Flüssigkeit – und geraspelte Möhren. Und ein bisschen Liebe schadet auch nicht.“

Wir nahmen unseren Patienten mit nach Hause. Schon nach wenigen Tagen war er wieder erstaunlich munter. Von Schonung wollte er nichts wissen. Kaum öffnete ich den Käfig, hoppelte er neugierig durch seinen kleinen Stall und schnupperte an allem, was neu roch.
„Mama, wir können ihn doch behalten, oder?“
Ich lächelte. „Nein, Lieblinge. Das ist ein Feldhase. Er gehört in die Natur – zu den Seinen.“

Am nächsten Tag brachten wir ihn dorthin zurück, wo Rocky ihn gefunden hatte. Die Sonne stand wieder tief, als sich das Häschen noch einmal umdrehte – und dann zwischen die Halme des Maisfeldes verschwand. Die Jungs machten ein letztes Foto.


Einige Jahre später

Ein paar Kilometer weiter, im Nachbarort, feierte Förster Heinz seinen 80. Geburtstag. Sein Sohn, selbst Jäger, wollte dem Vater eine besondere Freude machen: einen Hasenbraten – klassisch, wie früher.
Heinz’ Frau bereitete ihn mit Rotkraut und Knödeln zu, klassisch mit Füllung und im Ganzen im Bräter.

Nur den Kopf ließ sie abtrennen; selbst ihr Mann konnte es nicht ertragen, wenn der Hase von der Servierplatte aus seinen Augenhöhlen herübersah.

Als alle Gäste versammelt waren, reichte sie dem Jubilar das beste Stück: den Hinterlauf.
„Guten Appetit, Heinz!“

Er schnitt an – und hielt plötzlich inne. Etwas Metallisches blitzte zwischen den Fleischfasern auf. Eine winzige, silbrig schimmernde Platte.

Verwundert legte er das Messer beiseite. Seine Frau sah ihn fragend an.
„Was ist los?“
Er zeigte nur stumm auf seinen Teller.

Alle beugten sich darüber – und dann herrschte Schweigen.
Alle sahen eine glänzende Metallplatte mit winzigen Schrauben. Eindeutig etwas Medizinisches.

Niemand sagte etwas. Niemand wusste eine Erklärung. Sprach- und Ratlosigkeit.

Nur der kleine Enkel, sechs Jahre alt, grinste über den Tisch hinweg.
„Ist doch klar!“, sagte er stolz. „Der Hase war bestimmt auf dem Nachhauseweg von der Häschenschule, ist hingefallen und hat sich das Bein gebrochen. Dann wurde er in der Hasenklinik operiert – und ist wieder ganz gesund geworden!“

Einen Moment war es still. Dann lachten alle.
Und beschlossen, es genauso zu glauben.

Nur eines blieb: Der Appetit war allen vergangen