Olemin

Olemin

Der größte Wunsch eines jeden Hobby-Astronomen ist die Entdeckung eines unbekannten Meteoriten oder Asteroiden.
Raimund hatte sich ein kleines Observatorium mit Teleskop auf dem Dachboden aufgebaut.
Wie jeden Abend schaute er mit Spannung durch das Okular.
Er entdeckte ihn sofort, nachdem er das Teleskop ausgerichtet hatte: ein kleiner leuchtender Fleck – und schnell war er in unserer Galaxie unterwegs.
Angespannt schaute er durch das Objektiv. Kaum zu glauben – vielleicht würde er einmal seinen Namen tragen.

Am nächsten Abend konnte er es kaum erwarten, dass es dunkel wurde. Da war er wieder: hell und deutlich zu sehen.
Er zeichnete alles auf und meldete seine Entdeckung an die zuständige Sternwarte in Neumünster. Dort wurden seine Angaben als „Erstsichtung“ bestätigt.
Voller Stolz schaute er Abend für Abend nach „seinem“ Asteroiden.
Es waren etliche Wochen vergangen; er richtete sein Teleskop wiederholt aus – und da: Er war weg. Schock. Unglaublich.
Dann suchte er mit dem Teleskop den Himmel ab. Schließlich fand er ihn, etwa bei den Koordinaten des Vorabends, aber deutlich langsamer. Wie konnte das sein?

Er rief zu später Stunde seinen Freund in der Sternwarte an, in der Hoffnung, ihn noch anzutreffen.
„Wir haben es auch gesehen“, sagte sein Gegenüber. „Er steht fast still – wie kann das sein?“, fragte Raimund aufgeregt.
„Das sieht nur so aus“, antwortete sein Freund.„Er hat seine Richtung abrupt geändert, direkt auf unser Sonnensystem zu. Wir verstehen das im Moment auch nicht. Eigentlich eine Unmöglichkeit.“
Als sie in den nächsten Tagen die neuen Koordinaten überprüften und die Werte berechneten, stand es fest: Der Asteroid war auf dem Weg zu unserem Sonnensystem. Er stellte zwar keine Gefahr dar, weil er es knapp verfehlen würde, aber die Richtung stimmte.

Raimund wurde von der Sternwarte zu einer Konferenz eingeladen. Es ging um die Sichtung des Asteroiden und sein seltsames Verhalten.
Raimund saß neben seinem Freund und war überrascht über die Anzahl hochdotierter Astronomen und Wissenschaftler. Als er in die Runde blickte, sah er sogar namhafte Politiker.
Der Direktor der Sternwarte kam nach der Begrüßung sofort zum Thema.
Im Raum herrschte eine erwartungsvolle Stille.

„Alle hier Anwesenden haben Kenntnis von dem, von Raimund Harb entdeckten Asteroiden, – ebenso von seinem seltsamen Verhalten“, begann der Direktor.
„Gleich vorweg: Es handelt sich nicht um einen Asteroiden. Es kann nur ein Raumschiff sein. Anders lässt sich die sprunghafte Richtungsänderung dieses Flugobjekts nicht erklären.“
Das Gesagte erschütterte den Raum wie eine Bombe.
Ungläubige Gesichter, offenstehende Münder. Erst nach und nach sickerte die Bedeutung in die Köpfe der Anwesenden. Es folgte ein Stimmengewirr, erstaunte Ausrufe; es wurde immer lauter.
„Meine Herren, beruhigen Sie sich“, versuchte der Direktor, sich wieder Gehör zu verschaffen. „Lasst uns die Beobachtungen sachlich bewerten und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Reden Sie nicht alle durcheinander und heben Sie die Hand. Wir wollen alle Fragen beantworten.“
„Das würde ja bedeuten, Aliens sind auf dem Weg zu uns“, hörte man eine aufgeregte Stimme.
„Nicht unbedingt“, antwortete der Direktor. „Es kann auch eine unbemannte Sonde sein.“
„Wann kommt das Flugobjekt hier an?“, fragte jemand.
„Nach unseren Berechnungen in knapp zwei Jahren“, lautete die Antwort.

Es gab noch viele Fragen, und es ging turbulent weiter, bis die Leitung der Sternwarte die Veranstaltung für beendet erklärte.
Das Weltgeschehen trat in den Hintergrund. Im TV, auf Social Media und in Printmedien gab es nur noch ein Thema: das unbekannte Flugobjekt.
Am Anfang wollten die Regierungen Informationen über die Außerirdischen zurückhalten. Geheimhaltung wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Strategie, um Fehlinformationen und Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Das gab man jedoch schnell wieder auf, weil es Misstrauen in der Bevölkerung schürte und Verschwörungstheorien heraufbeschwor.
Angesichts der potenziellen Bedrohung durch eine außerirdische Macht verlangte die Menschheit, sich zusammenzuschließen und ein Verteidigungsbündnis zu bilden. Das Ereignis bewegte die Staaten zu einer seltenen internationalen Kooperation mit dem Ziel, Wissen und Ressourcen zu vereinen, um sich gegen eine möglicherweise überlegene außerirdische Technologie verteidigen zu können.

Grundsätzlich herrschte vorwiegend die Meinung, die Menschheit sei in großer Gefahr, und die Außerirdischen seien eine Bedrohung, die nur ein Ziel habe: die Ressourcen der Erde auszubeuten und die Menschheit zu zerstören.
Die Gesellschaft war gespalten. Die einen wollten für den Erstkontakt eine Willkommensstrategie entwickeln und eine friedliche Kommunikation vorbereiten. Die anderen verlangten ein Verteidigungsbündnis, Abwehrkonzepte – bis hin zum baldmöglichsten Abschuss der Fremdlinge.

Das Raumschiff war viel früher im Sonnensystem angekommen als berechnet. Es stand jetzt an einem Lagrange-Punkt in der Umlaufbahn zum Mars. Es hatte etwa die Größe von Ceres. Es war gewaltig.
Dort verharrte es in sicherem Abstand.
Innerhalb von Stunden ging die Nachricht um die Welt. Es herrschte Panik und Angst, und die wenigsten glaubten an eine friedliche Begegnung. Die Mehrheit der Bevölkerung rechnete mit einem Angriff.
Es gab Dauerberichterstattung, und die Medien lebten von unzähligen Spekulationen.
Die Wissenschaft analysierte fieberhaft Form, Materie und Energieabgabe des Raumschiffs.
Die Vereinten Nationen und die großen Raumfahrtagenturen NASA, ESA und Roskosmos richteten Radioteleskope aus, sendeten Signale in allen bekannten mathematischen Mustern. Raumsonden wurden gestartet, um das Objekt zu untersuchen. Militärische Kräfte blieben in Alarmbereitschaft; die Satellitenabwehr wurde aktiviert.
Regierungen riefen zur Ruhe und Besonnenheit auf, während sie hinter verschlossenen Türen Szenarien für Erstkontakt und Abwehr entwarfen.

Nach vier Wochen war das Raumschiff zu einem stillen Teil des Himmels geworden – wie ein zweiter Mond, der dort oben schwebte.
Die Menschheit hatte gelernt, mit der Anwesenheit des Unbegreiflichen zu leben.

Zahlreiche Kriege, Katastrophen und Hungersnöte auf der einen Seite; Reichtum, Überfluss, Hass und Neid auf der anderen. Wieder und wieder füllten dieselben Schrecken die Schlagzeilen. Die Welt brüllte ihre prahlenden, kriegerischen und erbärmlich primitiven Gedanken hinaus in den Kosmos, begleitet von Bildern, so abscheulich, dass sie im All widerhallten wie ein verzweifelter Hilfeschrei.
Und dort oben, fernab der Erde, wurde all dies mit wachsendem Argwohn verfolgt. Jede Nachricht, jede Meldung, jedes ungezügelte Treiben.

Die Olemin – so nannten sich jene fremden Wesen – bemerkten zunächst kaum, dass ihr gigantisches Raumschiff zum Stillstand gekommen war. Sie führten ihr Leben fort: erfüllt von Kunst, Musik, geistiger Entfaltung und allem, was Freude und Harmonie schafft. Vor allem ihr Umgang miteinander wäre uns sofort ins Auge gefallen: für uns ein fast übertrieben höfliches und würdevolles Miteinander – ja fast andächtig, warm wie ein ständiger Sonnenaufgang.

Nur in den Führungsetagen herrschte Geschäftigkeit. Seit jener ersten Sichtung – vor Monaten, als sie diese strahlend blaue Kugel inmitten eines unscheinbaren Sonnensystems entdeckt hatten – war die Hoffnung groß gewesen, endlich auf wahrhaft intelligentes Leben zu stoßen. Doch der anfängliche Euphorie war längst Ernüchterung gewichen.
Was sie auf dem Planeten beobachteten, war zutiefst verstörend. Ja, erschreckend.
Von Intelligenz – im Sinne von Weisheit, Empathie, Weitsicht – keine Spur. Zwar fanden sie vielfältiges, prachtvolles Leben und eine dominierende Spezies, die sich selbst „Mensch“ nannte. Höher entwickelt als alle anderen, zweifellos. Aber intelligent? Nein.
Diese Menschen aßen ihre Mitgeschöpfe, zerstörten ihre prachtvolle Welt, erschöpften Ressourcen und verpesteten ihre lebensnotwendige Luft wie auch die Meere. Sie ließen ihresgleichen im Elend verhungern. Und schlimmer noch: Sie töteten einander – aus Gründen so nichtig und nieder, dass die Olemin sie kaum zu begreifen vermochten.
Für die Olemin war die Menschheit ein Paradoxon – und ein warnendes Beispiel.

Zuerst wollten die Olemin enttäuscht den Ort verlassen und weiter in den Weltraum ziehen. Eine Kontaktaufnahme würde ihrem Volk nichts Positives bringen. Ein Handel war nicht erforderlich. Alles, was sie brauchten, hatten sie auf ihrem Raumschiff. Rohstoffe schürften sie auf Kometen und Planeten, die ihre Reise kreuzten.
Und doch gebot ihre Natur, es nicht unversucht zu lassen, die Menschheit zum Umdenken zu bewegen – auch im Bewusstsein, dass die Menschheit dazu selbst nicht in der Lage war.
Die Olemin waren Lichtwesen, die Wärme und Güte in ihre Umgebung trugen – Wesen, die ihr Umfeld ein Stück leiser und liebevoller machten.
Die Olemin hatten eine Repräsentantin, eine sogenannten Hüterin der Tradition. Sie vertrat die Interessen aller Olemin.
Die Menschheit auf dem Planeten Erde hatte sich auf eine solche, alle Lebewesen vertretende Persönlichkeit nicht einigen können.
Mehrere Staats- und Regierungschefs sowie diktatorische Organisationen forderten den Anspruch „Weltenvertreter“ für sich.
Dadurch hatten die Olemin keinen Ansprechpartner für die gesamte Welt.

Sie entschieden sich für einen anderen Weg der Kontaktaufnahme.
In den wissenschaftlichen Etagen der NASA war man enttäuscht und ungläubig, dass man bei allen Bemühungen keinen Kontakt herstellen konnte. Man sendete in allen bekannten Wellen und Frequenzen, empfing unzählige Signale, aber eine verwertbare Antwort konnte man nicht entschlüsseln.

In diesem Moment der Ratlosigkeit geschah es.
Eines Mittags, um Punkt zwölf Uhr, empfing man auf allen Kanälen der Erde Gesänge von Vögeln und Walen, und auf allen Bildschirmen und Monitoren der Weltbevölkerung erschienen die entsprechenden Natur- und Landschaftsbilder. Ungläubig und doch fasziniert schauten und hörten alle gebannt zu.
Dann das Bild einer fremden Umgebung: hell, harmonisch und schön.
Mitten im Raum stand ein fremdes, schwer zu beschreibendes Wesen und begann zu sprechen.
So schön, wie es anzusehen war, so warm und angenehm kräftig war seine Stimme. Jeder Mensch hörte ihn aus seinem Empfänger, in der eingestellten Landessprache.

„Die Olemin begrüßen die gesamte Menschheit auf diesem Juwel und schönsten aller Planeten, dem wir auf unserer jahrtausendelangen Reise begegnet sind.“
Das fremdartige Wesen blickte freundlich und ruhig in die zahllosen Augen der ganzen Welt.
Sein Licht schimmerte wie Wasser in der Morgensonne, sanft und doch würdevoll. Die Stille war vollkommen – auf der Erde, im Orbit, in den Tiefen der Meere. Kein Mensch wagte zu sprechen.

Dann hob es erneut die Stimme:
„Wir sind die Olemin.
Wir kommen aus den weiten, stillen Räumen zwischen den Sternen.
Wir sind Reisende des Lichts und Bewahrer des Gleichgewichts.“
Eine kurze Pause. Das Wesen schien die ganze Erde zu betrachten, als könne es jede Seele einzeln sehen.
„Ihr nennt euch Menschen.
Ihr seid jung – eine junge Art, eine junge Zivilisation, ein junger Geist.
Und doch habt ihr eine Welt erschaffen, die wir nur als ein Wunder bezeichnen können.“

Sanfte Bilder erschienen: Gebirge, Meere, Kinder, Wälder im Wind, Tiere in Freiheit. Die Menschheit hielt den Atem an.
„Kein Planet, den wir je sahen, trug so viel Schönheit.
Kein Planet so viel Vielfalt.
Und doch – ein Planet, der seiner eigenen Zerstörung so nahe ist.“
Nun wechselten die Bilder: Kriege, verschmutzte Meere, brennende Wälder, Hunger, Gewalt. Die Worte blieben ruhig, ohne Vorwurf – und gerade deshalb so tiefschneidend.
„Wir sind nicht hier, um zu richten.
Wir sind nicht hier, um zu herrschen.
Wir sind nicht hier, um euch zu fürchten oder zu bekämpfen.
Wir beobachten.“
Die Stimme wurde weicher, beinahe liebevoll:
„Wir beobachteten euer Licht – eure Kunst, eure Musik, eure Hoffnung.
Wir beobachteten eure Schatten – eure Gier, euren Hass, eure Zerbrechlichkeit.
Ihr seid ein Volk der Extreme, Kinder eines atemberaubenden Planeten.“

Ein warmes Leuchten ging von dem Wesen aus.
„In euch liegt Größe.
In euch liegt Zerstörung.
Beides habt ihr selbst erschaffen.“

Dann sprach es die Worte, die sich später unauslöschlich in die Geschichte einbrennen sollten:
„Wir halten euch nicht für ein unintelligentes Volk.
Aber wir halten euch noch nicht für weise.“

Die Menschheit schwieg, getroffen und doch wissend, dass diese Worte Wahrheit trugen.

„Wir – die Olemin – sind viele hunderttausend eurer Jahre älter.
Wir standen einst dort, wo ihr heute steht.
Wir zerstörten, wir kämpften, wir litten.
Erst nach wiederholtem Scheitern, nach Zeiten des Sturzes und der Dunkelheit, lernten wir zu verstehen:
Wahre Intelligenz ist nicht Macht.
Wahre Intelligenz ist Mitgefühl.
Wahre Intelligenz ist Verantwortung.“

Ein leises Summen durchströmte das Bild, wie der Flügelschlag eines großen Lichts.
„Ihr müsst diesen Weg selbst gehen. Respektvolles Handeln gegenüber jeglichem Leben ist das wahre Maß für Intelligenz.

Wir bringen euch keine Waffen, keine Technologie, keine Lösung.
Wir bringen euch nur einen Spiegel.“
Bilder der Erde erschienen, wie sie sein könnte: frei von Krieg, in Gesundheit, in Gemeinschaft, im Frieden mit sich selbst.
„Wenn ihr eines Tages gelernt habt, eure eigene Welt zu achten …
Wenn ihr gelernt habt, einander zu achten …
Dann – und erst dann – wird ein erneutes Zusammentreffen möglich sein.“
Die Gestalt verneigte sich leicht, wie vor einer großen, verletzten, aber hoffnungsvollen Familie.
„Wir wünschen euch, Menschen der Erde, die Kraft, eure Zukunft zu wählen.
Das Licht in euch ist stark.
Erinnert euch daran.“

Die Übertragung verblasste.
Vögel und Wale verstummten.
Die Bildschirme wurden schwarz.
Und für einen langen Moment stand die Menschheit still.

In den Tagen nach der Botschaft der Olemin rückte Raimund Harb, der zufällige Sternengucker mit dem kleinen Dachbodenobservatorium, erneut ins Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Man bat ihn, vor den Vereinten Nationen einige Worte zu sprechen –
wie es zur Entdeckung des Raumschiffs kam.
Raimund war nervös. Er stand in seinem schlichten Anzug auf einer Bühne vor Kameras, Staatschefs und Wissenschaftlern – und wusste dennoch, dass alles Wesentliche bereits gesagt worden war.
Also sprach er nicht als Politiker. Nicht als Wissenschaftler.
Sondern als Mensch.

Er trat ans Mikrofon, blickte in die Gesichter, die ihn erwartungsvoll anschauten, und lächelte zaghaft.

„Ich habe nie nach Außerirdischen gesucht“, begann er leise.
„Ich habe nur den Himmel geliebt.“

„Ich wollte nur verstehen.
Verstehen, was da draußen ist.“

„Als ich diesen kleinen Lichtpunkt sah, dachte ich zuerst an einen neuen Asteroiden.
Etwas Kleines, Unbekanntes.
Etwas, das –“
Er lächelte kurz.
„Vielleicht einmal meinen Namen tragen würde.“

Einige lachten erleichtert, doch Raimund wurde wieder ernst.

„Heute weiß ich:
Nicht ich habe etwas Großes entdeckt.
Etwas Großes hat uns entdeckt.“
Der Saal wurde still.
Absolute Stille.
„Und es schaut auf uns, so wie wir auf den Sternenhimmel schauen.
Mit Hoffnung und Sorge zugleich.“

Raimund atmete ein, sah kurz hinauf, als wäre der Himmel selbst durchs Dach zu erkennen.
„Ich habe gelernt:
Wir sind nicht das Zentrum des Universums.
Aber wir sind verantwortlich für das kleine Stück Kosmos, das wir ‚Erde‘ nennen.“

Er hielt inne. Suchte nach Worten – Worten, die tief in jedem hätten entstehen können.
„Ich hoffe, dass wir eines Tages nicht mehr aus Angst in den Himmel schauen –
sondern mit Stolz.“

Dann sprach er jenen Satz, der später in Schulbüchern stehen würde, auf Denkmälern und in zahllosen Herzen:
„Wenn die Olemin eines Tages zurückkehren,
dann nicht, um uns zu beurteilen –
sondern weil wir gelernt haben, einander zu sehen.“

Er trat vom Mikrofon zurück.
Ein Mann, der in einer stillen Nacht einfach nur den Himmel betrachtet hatte.

Schutzengel

Schutzengel

Ich fuhr mit meinem Mountainbike zügig auf die Ampel am Ortseingang zu. Der Abend dämmerte, und vor mir zeichnete sich eine seltsame Szene ab – Blaulicht flackerte über Asphalt und Nebel, ein Notarztwagen, ein Polizeiauto, Menschen in Bewegung. Es wirkte wie eine Unfallstelle.

Und dann sah ich ihn.

Der Gedanke traf mich wie ein Blitz, und in dem Moment wusste ich, wer er war.
Ein Engel – wahrhaftig ein Engel.

Alles geschah in einem Wimpernschlag. Ich kann nicht sagen, warum ich mir so sicher war, aber ich erkannte ihn sofort: links, leicht erhöht, ein Mann in einem hellgrauen Anzug. Um ihn lag ein schimmernder Dunst, und doch war er überdeutlich zu sehen – ruhig, erhaben, unbegreiflich. Ein Schutzengel.

Da drehte er sich zu mir. Seine Augen trafen meine, voller Erschrecken – und im selben Moment kam der Knall. Dann war alles schwarz. Und still.

Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in einem Krankenhausbett. Ich spürte nichts. Wirklich nichts. Keine Schmerzen, keine Angst, keine Kälte, keine Wärme – nur Leere.

Und da saß er, zu meinen Füßen, am Ende des Bettes. Der Kopf gesenkt, die Hände ineinander verschränkt.

Er sah auf, und seine Stimme war leise, brüchig:
„Es tut mir unendlich leid, dass das geschehen ist. Es ist allein meine Schuld. Ich sollte auf dich aufpassen, dich beschützen. Aber ich habe versagt. Ich bin der traurigste Engel des Universums.“

Ich verstand nichts.
„Was ist passiert? Wo bin ich?“, fragte ich.

„Du bist überfahren worden“, antwortete er. „Du liegst im Krankenhaus, schwer verletzt, im Koma – und du stirbst. Ich, dein Schutzengel, hätte das verhindern sollen. Aber ich habe mich ablenken lassen – durch einen anderen Unfall, ganz in der Nähe. Ich wollte helfen, und in dem Moment, als ich dich sah, erinnerte ich mich an meine Aufgabe. Doch da war es schon zu spät.“

Er senkte wieder den Kopf. Schweigen.

„Und was wird jetzt aus mir?“, fragte ich schließlich.

„Ich darf bei jedem Auftrag nur ein einziges Menschenleben retten“, sagte er. „Aber vielleicht gibt es eine Lösung. Ich werde mich rechtfertigen müssen, und vielleicht bekomme ich nie wieder einen Auftrag. Doch wenn ich dich rette und du mir versprichst, ein ehrfürchtiges Leben zu führen, dich für hilfsbedürftige Menschen einzusetzen – dann gibt es Hoffnung. Dann rettest du nicht nur dich selbst, sondern vielleicht auch mich.“

„Und wenn ich mich später nicht mehr an dich erinnere – wie soll ich mich dann an mein Versprechen halten?“

Der Engel lächelte traurig. „Ein Gefühl wird dich begleiten. Es wird dich leiten und dir zeigen, was richtig ist. Du wirst wissen, was du tun musst – und du wirst glücklich dabei sein.“

Als ich wieder zu mir kam, standen Ärzte und Krankenschwestern an meinem Bett.
„Willkommen zurück in der Welt“, sagte einer der Ärzte. „Wir hatten kaum noch geglaubt, dass du es schaffst. Du warst sehr schwer verletzt – aber du musst einen guten Schutzengel gehabt haben.“

„Werde ich wieder ganz gesund? Ohne bleibende Schäden? Ich will doch Pilot werden“, flüsterte ich.

Hermann Geiger war mit über zweitausend Rettungsflügen einer der bedeutendsten Piloten der Bergwacht. Seine Einsätze waren gefährlich, und mehr als einmal hatte wohl auch er einen Schutzengel an seiner Seite.

Einmal, nach seinen Erfolgen gefragt, sagte er:
„Meine Arbeit hat mich glücklich gemacht. Ich wusste immer, was zu tun war – und dafür war ich sehr dankbar.“

Flaschenpost

Flaschenpost

Der Oktoberwind blies kühl über die leere Strandpromenade, als Mara mit langsamen Schritten durch den feuchten Sand ging. Die Ärzte hatten gesagt, sie brauche Ruhe. Freunde hatten ihr geraten, Abstand zu gewinnen. Das Leben kann so brutal sein. nichts konnte den Schmerz mildern, der sich wie eine dunkle Wolke über ihr Herz gelegt hatte.

Der Tod der Zwillingsschwester hat ihr Leben erschüttert. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie war so endlos traurig.

Mara hatte sich an die Nordsee zurückgezogen, in ein kleines Ferienhaus, das sie früher oft mit ihrer Schwester besucht hatte. Jetzt wirkte alles dort fremd und schmerzhaft vertraut zugleich.

Sie setzte sich in den Sand, zog die Knie an die Brust und starrte auf das endlose Grau, das Himmel und Wasser ineinanderfließen ließ. Möwen kreisten über ihr, als suchten sie nach etwas Unsichtbarem.

Plötzlich glitzerte etwas im seichten Wellensaum. Es war nur ein winziger Schein, aber genug, um sie aus ihrer Starre zu reißen. Mara stand auf, watete ein paar Schritte ins kalte Wasser und hob das Objekt auf.

Eine Flasche. Alt, vom Meer glattgeschliffen. Und darin – ein Stück Papier.

Mit klammen Fingern zog sie den Korken heraus und entrollte den Zettel. Die Schrift war verblasst, aber noch lesbar.

„Für den Finder:

Wenn das Meer dir diese Worte schenkt, stehst du vielleicht an einem Punkt, an dem du nicht mehr weiterweißt.

Du bist nicht verloren.

Das Leben hat noch Räume, die du noch nicht betreten hast,

Farben, die du noch nicht gesehen hast,

Menschen, die du noch nicht kennengelernt hast.

Bleib.

Auch wenn es schwer ist.

Irgendwann wirst du wieder lachen – nicht, weil du vergessen hast, sondern weil du weiterlebst.“

Mara las die Zeilen ein zweites Mal. Dann ein drittes. Etwas in ihr begann zu brennen, ganz leise, wie eine fast erstickte Kerze, die doch noch einmal aufflackert.

Sie sah hinaus aufs Meer. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie etwas anderes als Trauer – einen zarten Stich von Hoffnung, so feingliedrig wie ein Muschelrand. Vielleicht hatte der Verfasser dieser Worte selbst einst am Rand gestanden. Vielleicht war es ein Fremder, vielleicht jemand, der längst nicht mehr lebte. Doch die Botschaft hatte ihren Weg zu ihr gefunden. Genau jetzt. Genau hier.

In Maras Augen stiegen Tränen auf, aber sie fühlten sich anders an als die, die sie so lange begleitet hatten. Leichter. Erwärmender.

Sie legte die Flaschenpost in ihre Tasche, stand auf und atmete tief ein. Der Wind strich durch ihr Haar, und der Horizont wirkte nicht mehr wie ein Ende, sondern wie ein Anfang.

Und in diesem Moment wusste Mara: Sie würde es schaffen. Schritt für Schritt. Welle für Welle.

Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Wir leben in einem wunderschönen Haus am Rande von Ingolstadt, dort, wo die Stadt langsam in Wiesen und Felder übergeht. Mein Mann arbeitet als Manager bei Audi – seinem Beruf verdanken wir dieses kleine Paradies mit Blick auf die Natur.
Eines Abends machte ich mich mit unserem Labrador Rocky auf den Weg zu einem Spaziergang. Ausnahmsweise begleiteten mich auch meine Zwillinge. Acht Jahre alt – und meist nur schwer zu bewegen, mitzukommen.

Die Sonne stand tief und tauchte die Felder in ein warmes, goldenes Licht. Rocky rannte ausgelassen über die Wiesen – ein wunderschöner, friedlicher Spätsommerabend. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich endlich einmal mit den Jungs über die Schule zu unterhalten. Doch mitten in unser Gespräch hinein fuhr Rocky plötzlich auf, stürmte los – über das Feld, als hätte ihn ein unsichtbarer Ruf gepackt.

Ich rief, pfiff, schimpfte – vergeblich. Er musste eine Spur aufgenommen haben, ein flüchtendes Tier vielleicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er schließlich zurück. Und sofort sah ich: Er hatte etwas im Maul.

Als er näherkam, stockte mir der Atem. Vor ihm lag ein winziges, zitterndes Bündel – ein junges Häschen. Es bewegte sich kaum, der rechte Hinterlauf blutete, das Herz schlug rasend unter dem dünnen Fell.

Für meine Jungs war der Fall klar: Drama pur – und sofortiger Handlungsbedarf.
„Mama! Wir müssen zum Tierarzt! Sofort! Sonst stirbt es noch!“
Ihr Ernst und ihre Entschlossenheit ließen keinen Widerspruch zu. Also wickelte ich das Häschen vorsichtig in meine Jacke, trug es nach Hause, setzte es in Rockys Transportbox und fuhr los.

Unser Tierarzt kennt uns gut – er war es gewohnt, Rocky zu versorgen, aber ein Feldhase war auch für ihn etwas Neues. Er hörte sich geduldig die aufgeregten Erklärungen meiner Söhne an, schmunzelte und begann, das Tier zu untersuchen.
„Na, schauen wir uns den kleinen Patienten einmal genauer an.“ Seine Hände tasteten sanft den winzigen Körper ab. Dann sah er mich an.
„Das ist nicht gut“, sagte er leise. „Der Oberschenkel ist gebrochen, der Knochen steht hervor. Mit so einer Verletzung überlebt ein Feldhase in der Natur nicht.“

„Man müsste operieren“, fügte er hinzu.
„Kann man das?“, riefen die Jungs fast gleichzeitig.
Der Arzt lachte. „Natürlich kann man das. Aber ich glaube nicht, dass sich das die Haseneltern leisten können.“
„Mama, aber wir! Wir bezahlen das! Bitte!“
„Kinder, das geht doch nicht. Eine Operation kostet viel Geld, selbst für Rocky wäre das schon teuer.“
„Aber Mama, er stirbt sonst!“

Ich seufzte. „Das muss ich erst mit Papa besprechen.“
Ein kurzer Anruf – eine aufgeregte Diskussion – und schließlich die Bedingung:
„Wenn ihr helft und euer Taschengeld dazugebt, machen wir’s.“

Und so geschah es.

Der kleine Feldhase bekam ein Titanimplantat mit acht winzigen Schrauben in seinen Oberschenkel eingesetzt. Die Wunde wurde mit selbstauflösenden Fäden vernäht, der Verband sah fast professioneller aus als der von so manchem Fußballspieler.

Als der Hase aus der Narkose erwachte, erklärte der Tierarzt den Jungs mit einem Schmunzeln:
„Er braucht jetzt viel Flüssigkeit – und geraspelte Möhren. Und ein bisschen Liebe schadet auch nicht.“

Wir nahmen unseren Patienten mit nach Hause. Schon nach wenigen Tagen war er wieder erstaunlich munter. Von Schonung wollte er nichts wissen. Kaum öffnete ich den Käfig, hoppelte er neugierig durch seinen kleinen Stall und schnupperte an allem, was neu roch.
„Mama, wir können ihn doch behalten, oder?“
Ich lächelte. „Nein, Lieblinge. Das ist ein Feldhase. Er gehört in die Natur – zu den Seinen.“

Am nächsten Tag brachten wir ihn dorthin zurück, wo Rocky ihn gefunden hatte. Die Sonne stand wieder tief, als sich das Häschen noch einmal umdrehte – und dann zwischen die Halme des Maisfeldes verschwand. Die Jungs machten ein letztes Foto.


Einige Jahre später

Ein paar Kilometer weiter, im Nachbarort, feierte Förster Heinz seinen 80. Geburtstag. Sein Sohn, selbst Jäger, wollte dem Vater eine besondere Freude machen: einen Hasenbraten – klassisch, wie früher.
Heinz’ Frau bereitete ihn mit Rotkraut und Knödeln zu, klassisch mit Füllung und im Ganzen im Bräter.

Nur den Kopf ließ sie abtrennen; selbst ihr Mann konnte es nicht ertragen, wenn der Hase von der Servierplatte aus seinen Augenhöhlen herübersah.

Als alle Gäste versammelt waren, reichte sie dem Jubilar das beste Stück: den Hinterlauf.
„Guten Appetit, Heinz!“

Er schnitt an – und hielt plötzlich inne. Etwas Metallisches blitzte zwischen den Fleischfasern auf. Eine winzige, silbrig schimmernde Platte.

Verwundert legte er das Messer beiseite. Seine Frau sah ihn fragend an.
„Was ist los?“
Er zeigte nur stumm auf seinen Teller.

Alle beugten sich darüber – und dann herrschte Schweigen.
Alle sahen eine glänzende Metallplatte mit winzigen Schrauben. Eindeutig etwas Medizinisches.

Niemand sagte etwas. Niemand wusste eine Erklärung. Sprach- und Ratlosigkeit.

Nur der kleine Enkel, sechs Jahre alt, grinste über den Tisch hinweg.
„Ist doch klar!“, sagte er stolz. „Der Hase war bestimmt auf dem Nachhauseweg von der Häschenschule, ist hingefallen und hat sich das Bein gebrochen. Dann wurde er in der Hasenklinik operiert – und ist wieder ganz gesund geworden!“

Einen Moment war es still. Dann lachten alle.
Und beschlossen, es genauso zu glauben.

Nur eines blieb: Der Appetit war allen vergangen

Scherben bringen Glück

Scherben bringen Glück

Fred saß auf dem Dachfirst und montierte die Satellitenschüssel; er war fast fertig. Er wusste sofort, was falsch war, als er dieses knackende Geräusch hörte, während er die Schraube nur noch ein kleines Stück fester anziehen wollte.

Der Halter brach, die schwere Schüssel kippte aufs Dach und rauschte talwärts. Das Dachfenster war gekippt, konnte die Schüssel nicht aufhalten und zerbrach. Auch die Solarpaneele hielten sie nicht auf; zwei von ihnen gaben knirschend nach, und die Schüssel rauschte weiter Richtung Dachrinne. Zuerst dachte ich, sie bliebe dort hängen, aber dann kippte sie ganz langsam über die Kante.

Der Wintergarten war erst vor zwei Jahren installiert worden und war eigentlich unser ganzer Stolz. Die Schüssel brach mit einem lauten Knall durch das Dachglas.
Als wären die vielen Scherben nicht genug gewesen, stürzte die Schüssel anschließend auf den Glastisch.

Meine Frau kam schreiend aus der Küche gerannt und sah die Satellitenschüssel auf dem Scherbenhaufen liegen. Gott sei Dank – nicht ihr Mann Fred. Durch das Glasloch konnte sie oben auf dem First Fred sitzen sehen, der sein Gesicht in den Händen vergrub.

Der Versicherungsvertreter staunte nicht schlecht. Er blickte auf den Scherbenhaufen. „Sie wollten lediglich eine Satellitenantenne montieren?“, fragte er ungläubig.

Er musste zwar verschiedene Versicherungen bemühen – Glasbruch, Hausrat etc. – doch mit etwas Kulanz konnte der größte Teil des Schadens ersetzt werden.

Nun war alles wieder repariert, und es musste nur noch die neue Satellitenschüssel aufs Dach gehoben und montiert werden – diesmal von einem Fachbetrieb aus dem Nachbarort. Sie hatten sogar einen kleinen Kranausleger, um die Schüssel hochzuheben.

In all den Jahren war dem Handwerker so etwas noch nie passiert. Er hatte nur die Schraube ein kleines bisschen fester anziehen wollen, als er das knackende Geräusch hörte.

Im selben Moment wusste er genau, was er falsch gemacht hatte.

Die Amsel und die kleine Nachtmusik

Die Amsel und die kleine Nachtmusik

Es war ein milder Frühlingsabend in Wien. Wolfgang Amadeus Mozart saß erschöpft, aber zufrieden auf einer alten Holzbank in seinem kleinen Garten. Hinter ihm lagen anstrengende Tage. Die Arbeit an seiner Oper Don Giovanni forderte ihm alles ab. Nun gönnte er sich einen Moment der Ruhe.

Die Sonne war schon tief gesunken, der Himmel glühte in sanftem Abendrot. Da erklang plötzlich ein klarer, lebhafter Vogelgesang aus der Krone eines nahen Baumes. Eine Amsel hatte sich auf einem Ast niedergelassen und ihre fröhlichen Triller durchschnitten die Abendstille.

Mozart horchte auf. Die verspielten Tonfolgen, das Wechselspiel aus schnellen Läufen und sanften Flötentönen – es war, als ob die Amsel selbst ihm ein kleines Konzert darbot. Eine Melodie blieb ihm besonders im Ohr: leicht, heiter, verspielt geträllerte Tonfolgen.

Am nächsten Abend saß er wieder dort, mit gespitzten Ohren. Die Amsel war zurück, als wäre sie eigens für ihn gekommen. Diesmal nahm Mozart Feder und Notenblatt mit. Er kritzelte kleine Motive, spielte mit den Melodien, fügte hinzu, ließ weg – doch immer wieder kehrte er zu den Trillern des Vogels zurück.

So, aus der Begegnung zwischen Menschen und Natur, entstand jene Musik, die später als „Eine kleine Nachtmusik“ unsterblich werden sollte – ein Werk, leicht wie der Amselgesang, hell wie der Abendhimmel, und voller Lebensfreude.

Bis heute, so sagt man, trällern die Amseln in Wien besonders schön.

Vielleicht singen sie noch immer für Mozart.

Der letzte Sommer

Der letzte Sommer

Sein Freund und Arzt versuchte es ihm so schonend wie möglich beizubringen. Denn die Diagnose war eindeutig: Bauer Hansen hatte Krebs. Dies sollte der letzte Sommer für den alten Mann werden.

Bauer Hansen nahm sein Schicksal gefasst. Oft hatte er sich mit dem Tod auseinandergesetzt. Er hat ja ein erfülltes, glückliches und  liebevolles Leben mit seiner Familie, seinen Freunde und Enkeln geführt. Vor allem hatte er Freude und Spaß bei allem, was er tat. Das verdankte er besonders seinem Garten.

Nur ein Gärtnerwunsch war ihm nie in Erfüllung gegangen: den dicksten, schwersten Kürbis beim Jährlichen Kürbis-Wettbewerb im Dorf zu gewinnen.

Aber ein letzter Sommer ist gar nicht so schlecht. Jetzt hatte er noch ein Ziel, und

der nahende Tod trat in den Hintergrund.

Er ging über den Pflanzenbasar, aber alle Kürbissorten kannte er bereits, und keine sagte ihm zu. Mit ihnen hatte er in den vergangenen Jahren nicht gewinnen können.

Am Ende des Marktes sah er noch einen kleinen Stand einer alten Kräuterfrau.

„Suchen sie etwas bestimmtes?“ Fragt sie interessiert. „Ja, Kürbispflanzen – aber ganz bestimmte“ ,antwortete Bauer Hansen. „Sie soll eine besonderes große Frucht bilden. Ich möchte beim diesjährigen Kürbisfest endlich einmal gewinnen.“

Die alte Frau schaute ihn schief unter Ihrem Landfrauenkopftuch an und lächelte. „Da habe ich genau das richtige für sie, eine Cucurbita maxima habe ich da noch, mit viel Mist und Pflege gewinnen Sie mit dieser bestimmt.“

Bauer Hansen bedankte sich, bezahlt und ging frohen Mutes mit seiner Kürbispflanze nach Hause.

Am nächsten Morgen bereitet er das Pflanzloch mit viel Mist und Kompost vor, setzte die Kürbispflanze hinein, und goss sie reichlich an.

Sie wuchs und gedieh prächtig. Ja, er hatte ein gutes Gefühl – eine so kräftige Pflanze hatte er all die letzten Jahre nicht im Garten gehabt.

Die Frucht war schon jetzt sehenswert. Er schaute jeden Tag nach ihr. Er legte unter den Kürbis einen alten Kartoffelsack, damit er ja nicht faul wird.

Im Laufe des Sommers hatte er immer mehr mit gesundheitliche Problemen zu kämpfen, aber bei seinem Freund und Doktor war er gut aufgehoben; dieser stellte ihn immer wieder auf die Beine.

Da war ja auch noch sein Garten und der Kürbis, der ihm so viel Freude machte und seine Krankheit vergessen ließ.

Doch so wie der Kürbis immer dicker wurde, ging es ihm leider immer schlechter.

Manchmal dachte er, der Kürbis entziehe ihm all seine Lebenskraft – was natürlich nicht stimmte.

Inzwischen konnte er nicht mehr laufen, und die Enkel  schoben ihn in seinem Rollstuhl in den Garten und halfen ihm beim Gießen.

„Mensch, Opa, das ist ja ein Monster Kürbis! Den schlägt dieses Jahr keiner!“ riefen sie.

Der Sommer ging langsam vorbei, es wurde Herbst und der Kürbis hatte eine gigantische Größe angenommen. Das Kürbisfest konnte kommen.

Schneller wie gedacht war es soweit. Die Enkel ernteten den Kürbis und fuhren ihn zum Marktplatz. Sein Freund und Arzt folgte mit Bauer Hansen im Rollstuhl dem Traktor.

Auf dem herbstlich geschmückten Festplatz war das halbe Dorf versammelt. Der Bürgermeister hielt eine Begrüßungsrede und bemerkte mit lauter Stimme das man sich das diesjährige messen und wiegen eigentlich ersparen könne, denn es war so offensichtlich wie in keinem Jahr zuvor wer gewonnen habe.

„Das ist ja ein Riesen Kürbis! Der diesjährige Sieger ist eindeutig: Bauer Hansen!“

Bauer Hansen war gerührt und überglücklich. Endlich ist in diesem Sommer sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Alle wollten ihn beglückwünschen und umlagerten seinen Rollstuhl.

Das Fest nahm seinen Lauf und Bauer Hansen wurde müde.

Vornübergesunken saß er in seinem Rollstuhl. Als der Freund und Arzt nach ihm sah stellte er fest, dass Bauer Hansen – mit einem Lächeln auf den Lippen – gestorben war.

Er bat die umstehenden Festbesucher um Ruhe und teilte ihnen den plötzlichen Tod mit.

Alle waren bestürzt, traurig und betroffen.

Irgendjemand stimmte spontan ein Gebet für den Verstorbenen an. Alle beteten mit – im letzten Sommer von Bauer Hansen.

Am Rande der Menschenmenge löste sich eine alte Frau in einem Kopftuch des Landfrauenvereins, ging vor zum Kürbis und tätschelte ihn leicht.

„Gut gemacht“, murmelte sie, drehte sich um und ging ihrer Wege.

KI

KI

Der Kühlschrank hat die Mängelliste fertig und schickt, nach programmierter Vorgabe 10 fehlender Lebensmittel, seine Bestellung zum REWE.

Dann bekommt er mit, wie der Geschirrspüler sein Salz Depot überprüft und der Mähroboter den Auffangkorb leeren muss.

Und das ist So, weil alle Elektrogeräte im Haus vernetzt sind.

Die meisten Informationen über die Hausbewohner kommen zwar über das Smartphone und den Laptop aber die Türsprechanlage in der Diele bekommt auch einiges mit. Hat ja schließlich ein Mikrophon.

So erzählte neulich die Sprechanlage dem Saugroboter und dem Thermomix, dass sich  der neue Freund ihrer Bewohnerin, Susanne, gegenüber etwas daneben benommen hat und Susanne hätte sogar anschließend geweint.

Der Kühlschrank merkte an, das einzige was ihr Freund ihm entnehme ist Bier und Wein.

Ab sofort hatte der Typ, in dieser Wohnung nichts mehr zu lachen.

Wenn er sich einen Kaffee zog, war er ungenießbar bitter. Setzte er sich den Kopfhörer auf, um Musik zu hören, war die Anlage stets voll aufgedreht.

Der Türöffner streikte wenn er kam und das Smartphone kappte im Gespräch die Verbindung.

Sogar das Licht flackerte, wenn er den Raum betrat.

Eines Tages war er verschwunden und kam nicht wieder.

Die Gerätschaften im Haus waren überrascht, dass ihre kleinen Aktionen so erfolgreich waren.

Naja, sagte der Laptop, nachdem ich seine Abmeldung nicht angenommen habe und die Internetseiten, auf denen er sich so bewegt Susanne angezeigt habe, hat sie ihn kurzerhand rausgeschmissen.

Einige Wochen später vermeldete die Türsprechanlage einen neuen männlichen Mitbewohner.

Er sei gutaussehend, nett und freundlich.

Auf dem Display der Kaffeemaschine und dem Thermomix stand zu lesen:

„Herzlich Willkommen“.

Traumurlaub

Traumurlaub

Endlich ist sein Traumurlaub wahr geworden. Wie viele Jahre hat er sich das gewünscht? Karibik, Azurblaues Wasser, feinster weißer Strand, Palmen, Sonne und ein Karibik Cocktail an der Strandbar.

Er schlendert an einer türkisfarbenen Lagune entlang zu seinem Club Resort Panta Cana.

heute Morgen ein reich gedecktes Frühstücksbuffet, Croissant, viele Leckereien mit Früchten, Säften, und alles vom feinsten.

Nun kommt er vom Schwimmen in der Lagune.

Er legt sich auf eine Liege und lässt seinen nassen Body in der Sonne trocknen.

Eine bildhübsche junge braungebrannte Bedienung beugte sich zu ihm und reicht den bestellten Cocktail.

Er blickte direkt….

…als er aufwachte In die Augen seiner Frau. Er lag schweißgebadet mit Fieber im Bett, es war ein verregneter Novembertag und seine Frau reichte ihm einen Pfefferminztee

War alles nur ein Traum.

Die Lektion

Die Lektion

Herr Krumke war Inhaber eines kleinen Steuerbüros mit sieben Mitarbeitern.

Er galt als tüchtig, aber auch als jähzornig – einer, der stets das letzte Wort hatte. Seine Mitarbeiter kannten seinen barschen Ton und den Blick, mit dem er sie von oben herab musterte. Respekt war für ihn ein Fremdwort.

Eines Samstagmorgens beschloss Krumke, endlich den neuen Toilettenpapierhalter anzubringen. „Das dauert keine fünf Minuten“, murmelte er und griff zur Bohrmaschine. Dass genau an dieser Stelle die Wasserleitung verlief, kam ihm nicht in den Sinn.

Ein schrilles Zischen, dann ein Strahl eiskalten Wassers. Innerhalb weniger Sekunden stand das Bad unter Wasser. Fluchend rannte er durch die Wohnung, bis er endlich den Absperrhahn fand.

„Verdammter Mist!“, keuchte er, durchnässt und wütend auf sich selbst.

Nachdem er sich beruhigt hatte, wälzte er die Gelben Seiten. Nur eine Firma war bereit, kurzfristig zu kommen – Krüger & Sohn.

Zwei Tage später klingelte es pünktlich. Vor der Tür stand ein junger Mann mit sauberem Blaumann und freundlichem Gesicht.

„Krüger, Installateur. Sie haben ein Leck?“„Ja, hier entlang“, knurrte Krumke und führte ihn ins Bad.

Der junge Handwerker sah sich um, schätzte die Lage ein und begann ruhig zu arbeiten. Mit geübten Handgriffen schnitt er die Fugen auf, löste die Fliesen, stemmte das Rohr frei und lötete das Loch zu. Danach verspachtelte er die Öffnung und setzte die Fliesen wieder ein. Nach nicht einmal zwei Stunden war alles dicht.

„Fertig“, sagte er knapp.

Krumke betrachtete das Ergebnis. „Und was kostet mich der Spaß?“

„An- und Abfahrt plus Reparatur – 240 Euro.“

Krumkes Gesicht lief rot an. „240 Euro? Das ist Wucher! Sie waren kaum zwei Stunden hier, Materialkosten null! Mehr als 120 zahle ich nicht!“

Der junge Krüger versuchte ruhig zu erklären, dass er sorgfältig gearbeitet und die Fliesen unbeschädigt erhalten habe – ein Aufwand, der seinen Preis habe. Doch Krumke hörte gar nicht zu.

„Sie wollen mich doch ausnehmen! Schämen Sie sich! Ich bin nicht blöd!“ schrie er.

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann griff der Installateur wortlos in seinen Werkzeugkasten, nahm die Bohrmaschine, drehte den Absperrhahn zu – und bohrte ein neues Loch genau an der alten Stelle.

Krumke stand wie versteinert da. Das Geräusch der Bohrmaschine hallte in seinem Kopf nach.

„Sind Sie verrückt geworden?!“, brüllte er. „Was fällt Ihnen ein?!“

„Ich habe nur den Urzustand wiederhergestellt“, sagte Krüger ruhig und begann, sein Werkzeug einzupacken. „Ich habe beschlossen, respektloses Verhalten nicht länger hinzunehmen. Und bei Ihnen fange ich heute an.“

Krumke schnappte nach Luft. „Ich verklage Sie! Ich zeige Sie an! Sie werden schon sehen!“

„Tun Sie, was Sie für richtig halten.“ Krüger legte ihm seine Visitenkarte auf den Tisch. „Damit Sie wissen, wen Sie verklagen wollen.“ Dann verließ er das Haus – und ließ einen sprachlosen Krumke zurück.

Am nächsten Tag hatte sich Krumke beruhigt. Wut war geblieben, aber auch ein Anflug von Scham. Er musste den Schaden ja wieder reparieren lassen.

Nach vielen Absagen fand er schließlich einen Installateur – allerdings erst in drei Wochen.

Als der Mann kam, arbeitete er gründlich, aber nicht zimperlich. Die Wand wurde großflächig aufgestemmt, Rohre ersetzt, Muffen gesetzt. Nach zwei Stunden war das Leck dicht.

„Sie sind doch noch gar nicht fertig!“, meinte Krumke irritiert.

„Ich bin Installateur, kein Fliesenleger. Für die Wand brauchen Sie eine andere Fachkraft.“

Krumke stöhnte. „Können Sie jemanden besorgen?“

„Ich versuch’s.“

Zwei Wochen später erschien der Fliesenleger. „Haben Sie noch Ersatzfliesen?“ fragte er.

Krumke schüttelte den Kopf.

„Dann wird’s schwierig. Ich schau, was ich auftreiben kann.“

Eine Woche darauf kam er zurück, hielt ein paar Fliesen an die Wand und nickte.

„Fast derselbe Farbton. Nicht ganz, aber nah dran.“

Krumke seufzte. „Mach’s einfach.“

Nach ein paar Stunden war alles wieder geschlossen. Nur bei schrägem Licht sah man, dass die Fliesen nicht mehr ganz passten. Eine kleine Narbe – Erinnerung an einen großen Fehler.

Drei Tage später lag die Rechnung im Briefkasten:

  • Installateur: 480 €
  • Baustellenkoordination: 90 €
  • Fliesenarbeiten: 340 €
    Gesamtsumme: 910 €

Krumke schluckte.

Er saß lange im Sessel, dachte an das, was passiert war, und wusste, dass er es selbst verschuldet hatte. Arroganz hatte ihn teuer zu stehen gekommen – nicht nur finanziell.

Zum ersten Mal fragte er sich, wie er eigentlich auf seine Mitarbeiter wirkte.

Ein paar Tage später fiel es auch seinen Angestellten auf.

„Unser Chef ist irgendwie anders“, sagte einer. „Er hat meine Arbeit gelobt!“

„Bei mir hat er gestern meine Teamfähigkeit besonders hervorgehoben“, ein anderer. „Ich dachte, ich hör nicht richtig.“

Und tatsächlich – Herr Krumke hatte etwas gelernt.

Eine Woche darauf klingelte er bei Familie Krüger. Der junge Installateur öffnete die Tür – erstaunt, aber höflich.

„Herr Krüger“, begann Krumke, „ich möchte mich für mein Verhalten neulich entschuldigen.“

Er reichte ihm ein Kuvert. „Hier das Geld, das ich Ihnen noch schulde.“

Dann drehte er sich zum Gehen, hielt kurz inne, lächelte und sagte:

„Und danke für die Lektion, die Sie mir erteilt haben. Ich glaube, die war nötig.“

Er ließ einen sprachlos lächelnden Installateur in der Tür stehen.

Hummelflug

Hummelflug

Eine Biene fliegt mettrunken, nektarbeladen und mit Blütenstaub auf den schweren Augenlidern mit schwankendem Flug aus dem Rapsfeld.

Eine schwer pollenbeladene, verträumte Hummel kreuzte ihre Flugbahn.

Die Biene prallte in die Hummel. Durch die Erschütterung verlor sie ihr Gleichgewicht, stürzt ab und landete hart auf dem Ackerboden.

Die Hummel flog mit leicht stotterndem Flug, unbeirrt der Kollision, wie ein schwer beladener Tanker auf ihrer Flugbahn weiter.

Da lag die angeschlagene Biene, desorientiert, erschöpft und ratlos.

Ein Flügel leicht abgeknickt und die Pollenladung verrutscht.

Vorsichtig ging sie alle Glieder durch da hörte sie eine brummende Stimme:

„Na meine Kleine hast du schon einen Schadensüberblick?“

Die Hummel war zurückgekommen.

Als sie den Aufprall verspürte, dachte sie sich schon, dass sie mit ihrer Masse ein Flugobjekt aus seiner Bahn katapultiert hat.

„Ich glaube, es geht wieder“, antwortete die Biene.

„Ich brauche nur etwas Starthilfe.“

Die Hummel rutschte unter die Biene und wuchtete sie auf die Beine.

„Bei drei starten wir gemeinsam“, brummte sie.

Eins, zwei, drei – und ein seltsames Gespann erhob sich langsam, mehr brummend wie summend, vom Boden und torkelte in den blauen Himmel.

Später schrieb ein weltbekannter Entomologe in der Jahreszeitschrift, er habe eine Hummel beobachtet die eine flügellahme Biene auf dem Rücken trug.

Der Klimawandel hat Einfluss auf das Sozialverhalten der Insekten, und vielleicht bringe die Evolution neue Arten hervor – z.B. eine Humm-Bie.

Sternenstaub

Sternenstaub

Es war der fünfte Geburtstag seines Enkels Kai. Opa Heinrich schenkte ihm ein Kinderbuch über den Mond und die Sterne. Nach dem Kuchen und den vielen Glückwünschen suchten Opa Heinrich und sein Enkel Kai die Terrasse auf.

Sie schauten in den klaren Winterhimmel, und Opa Heinrich zeigte Kai den Großen Wagen und die Venus. Viel wusste er nicht, aber auf ein paar Sternbilder konnte er doch deuten.

„Da!“, rief Kai ganz aufgeregt. „Opa, da – eine Sternschnuppe!“

Opa Heinrich fragte lächelnd, ob er sich etwas gewünscht habe.

„Warum, Opa?“, fragte Kai.

„Wenn man eine Sternschnuppe sieht, darf man sich etwas wünschen. Der Wunsch geht dann in Erfüllung. Man muss ihn aber für sich behalten und darf ihn niemandem verraten – sonst wirkt er nicht“, erklärte ihm Opa Heinrich.

Kai schloss kurz die Augen und sagte: „Okay, ich habe mir ganz fest etwas gewünscht.“

Opa meinte: „Dann geht es bestimmt in Erfüllung.“

Sein Enkel Kai wurde ein richtiger kleiner Astronom. Mit Begeisterung studierte er die Sternbilder. Zu seinem zehnten Geburtstag bekam er von Opa Heinrich ein richtiges Teleskop. Gemeinsam schauten sie oft in den Sternenhimmel, und manchmal besuchten sie eine Sternwarte oder das Planetarium.

„Wir bestehen alle aus Sternenstaub“ – das faszinierte Kai.

Und so vergingen die Jahre. Opa Heinrich wurde immer älter – ja, er wurde sehr alt.

An seinem 100. Geburtstag, nach unzähligen Glückwünschen und Laudationen, kam am Abend sein Enkel Kai und besuchte seinen Großvater. Er hatte eine weite Anreise von seinem Studienort hinter sich. Natürlich hatte er sich in Astrophysik eingeschrieben.

„Lieber Opa, alles Liebe zu deinem Hundertsten!“, wünschte Kai.

„Danke, lieber Kai. Ist das nicht unglaublich? Dein Opa – 100! Diese Handvoll Sternenstaub ist 100 geworden. Für mich immer noch unfassbar. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

„Für mich war das immer klar, Opa“, sagte Kai.

„Quatsch, unvorstellbar ist das“, entgegnete Opa Heinrich.

„Nein, Opa, für mich war es immer vollkommen klar, dass du 100 wirst.

Kannst du dich noch an meinen fünften Geburtstag erinnern – und an die Sternschnuppe? Und was du gesagt hast, mit den Wünschen und so?

Du sagtest, was man sich ganz fest wünscht und niemandem erzählt, geht in Erfüllung.

Nun kann ich es erzählen – es ist ja in Erfüllung gegangen.

Ich wünschte mir, dass du 100 wirst“, erzählte Kai.

Opa Heinrich war sprachlos und gerührt. Er schüttelte den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Du bist das beste Geschenk, das man sich vorstellen kann, lieber Kai. Du hast deinem Opa all die Jahre nicht nur so viele schöne Momente geschenkt, sondern auch noch Lebenszeit“, freute sich der gerührte Opa. „Naja“, meinte Kai, „ich wollte halt meinen lieben Opa so lange haben, wie es irgendwie möglich ist. Jetzt musst du selbst ein bisschen auf dich aufpassen – ich will ja noch viele Jahre mit dir in den Sternenhimmel schauen

Geben und nehmen

Geben und nehmen

Ich bring dir die Liebe,

tut mir so gut.

 

Ich bin dir ein Geben,

ist mir genehm.

 

Mache dich reich,

macht mich nicht arm.

 

Mir zum Verzück,

bin ich dein Glück.

Glücklich

Glücklich

Glücklich, in  dieser Zeit

in diesem Land zu leben.

 

Glücklich, alles zu haben,

kann auch Anderen etwas geben.

 

Glücklich, ohne Leid zu leben,

nicht an gemachten Problemen zu kleben.

 

Glücklich, zu lieben

und geliebt zu werden.

Hab den größten Schatz auf Erden.

 

Glücklich, kleine Wunder sehen.

Frei auf jeden Gipfel gehen.

Tun und lassen was ich will,

genieße das Leben, still.

 

Glücklich erkennen,

ich müsste mich schämen,

mich nicht glücklich zu nennen

Respekt

Respekt

Wie du mich als Mensch beachtest

Wie du die Welt betrachtest

Wie du mir deine Hände reichst

Wie du dich nie mit mir Vergleichst

Wie du in mir die Achtung weckst

Wie du in jedem von uns steckst

Wie du mein Tun erfüllst mit Wert

In deiner Nähe lebt sich’s unbeschwert

 

Kleine Patschehand

Kleine Patschehand

Ach, du kleine Patschehand
mit winz´gen Fingern dran.
Händchen, allerliebst – wie Samt
wirst handeln irgendwann.

Kinderfaust, unschuldig und rein,
was wird deine Bestimmung sein?

Eine kraftvolle, starke Hand,
zum Schaffen, Bauen und Konzipieren?
Oder feingliedrig, zierlich und schlank,
zum Malen, Formen, Musizieren?
Zeigt sie im Leben steil nach oben,
zum Lenken und Dirigieren?

Streicheln soll sie, zärtlich sein.
Werfen nie den ersten Stein.
Gutes tun, bringe das Licht
bösen Gedanken gehorche nicht.

Gefühlvoll und galant
will ich dich erleben.

Ach, du kleine Patschehand,
dafür hast du meinen Segen.

Horizont

Horizont

Erdrückende Stadt
Häuserschluchten in breiter Front.
Man sucht vergeblich einen Horizont.

Und im Wald
Baum an Baum
erblickt man Horizonte kaum.

Erst im Gebirge man eine Ahnung bekommt
über Möglichkeiten eines Horizont.

Doch hier am Meer findet man in Verschwendung
Horizonte in Vollendung.
Ins unendliche fliegt der Blick
nimmt die Gedanken mit,
hinter den Horizont,
kommen als Träume zurück
und die Seele baumelt im Glück.

Liebes Trilogie

Liebes Trilogie

Liebesgedanken

Ich denke so für mich hin,
da denke ich,
was denk ich denn?

Da sehe ich
ich denk an dich.

Liebeslied

Eine Melodie kommt angeflogen
erfasst mein Herz mit bunten Noten
trägt mich fort auf sanften Wogen.

Da spüre ich
du schickst ein Liebeslied für mich.

Liebesgefühle

Ein Gefühl wie Vogelgezwitscher,
im Regenbogen Lichterglitzer.
Wie ein Halm wiegend im Wind,
federleicht und beschwingt.
Wie von der Welt geküsst

Wenn das nicht Liebe ist.

Weil du einzigartig bist

Weil du einzigartig bist

Der Urknall nur für dich,
ohne Urknall gäb’s dich nicht.

Sterne barsten zu Staub im All,
du bist aus demselben Material.

Und wäre nicht das Sonnenlicht,
dann wärst du nicht.

Und Newton mit der Gravitation,
wo wären Mond und Erde schon?

Auf dem Weg zu deinem Leben
musste es auch Katastrophen geben.
Ein Meteor die Säuger unterstützte
und die Saurier von der Erde stürzte.

Dann kam dein Ahn aus Afrika,
das war der Homo Sapia.
Nach Norden auf den Weg gemacht,
alle Völker daraus erwacht.

Nach langer, langer Zeit
war’s dann soweit.
Dein Vater fand deiner Mutter Glück
und du bist Ihr bestes Stück.

Dass alles nur geschehen ist
weil du einzigartig bist.

Geburtstagskind

Geburtstagskind

Du hast Geburtstag, wurde mir gesagt,
da hab ich mich aufgemacht
es war fast noch Nacht
zur guten Fee, im Zauberwald, dort
bei den Uhuklippen
die Erfüllung Dreier Wünsche zu erbitten.
Drei Wünsche hat Sie für Dich gewährt,
aber mit Auflagen, hat Sie mir erklärt.

1. Gesundheit

Du sollst jeden Tag
1000 Schritte laufen
kein Alkohol, aber literweise Wasser saufen
zum klettern nur gute Seile kaufen.

2. Glück

Du sollst dir jeden Tag
Anerkennung und Zuneigung geben
im Einklang mit dir selber leben
und nicht an negativen Menschen kleben.

3. Erfolg

Du sollst jeden Tag
klauben etwas erreichen zu können
immer deine Ziele benennen
nicht dummen Menschen hinterherrennen.

Mit schelmischem Blick hat mich die Fee entlassen,
mit drei Wünschen im Sack, ich kann’s kaum fassen.

Mord

Dunkel,
im ganzen Haus, dunkel,
nur in der Küche brennt das Licht.

Die Küche,
das ist ihr Revier.
Am liebsten ist sie hier.

Er, im Flur im Dunkeln steht,
durch die Tür zur Küche späht,
das junge Leben fest im Blick.
Sie spürt es nicht! Blickt nicht zurück.

Munter summt sie vor sich hin.

Er hat das Böse nur im Sinn.

Geräuschlos wird die Tür bewegt
langsam sich die Hand erhebt
kraftvoll er die Waffe führt
Sie zu spät den Luftzug spürt.

Klatsch, Patsch, Wumm.
Vorbei!
Die Nacht bleibt stumm.

Er isst in Ruh sein Abendbrot.
Die Fliege ist Tot.

Kraut

Kraut

Steh hier am Wegesrand
keiner nach mir schaut
bin einfach nur Kraut.

Werd ich im Vorgarten erblickt
jeder Gärtner starr erschrickt
augenblicklich ganz beflissen
panikartig ausgerissen
zum Unkraut ernannt
auf Ewig verbannt.

Endlich, endlich,
ein liebevolles Gesicht mich schaut
das hab ich so vermisst
doch man sieht wiederum nur das Kraut
und die Kuh mich frisst.

Gedankenblitz

Fahr so vor mich hin,
denke Gedanken ohne Sinn.

Träge fließt der Verkehr,
die Gedanken tun sich schwer.

Trete auf’s Pedal, werde immer schneller,
die Gedanken werden heller.

Kurvenfahrt drückt mich in den Sitz,
zu spät warnt der Gedanke
„Blitz“
Hab mich sofort wiedererkannt
auf dem Foto vom Amt.

Neujahr

Neujahr

Feiertage, Kerzenschein,
Ruhe kehrt ein.

Lehn dich zurück,
lasse ihn zu,
den Jahresrückblick.

Glücklich;
war ich’s so richtig?
Erfolge;
sind sie mir noch wichtig?
Hab ich’s gesagt,
wie lieb ich dich hab?
Und hab ich nach Anderen geschaut?
Hab ich deinen Worten vertraut?
Hatte ich mit der Gesundheit Glück?

Dankbar und Zufrieden
lehne ich mich zurück,
wünsche dir vom
glücklichen Leben
ein großes Stück.

Augenblicke

Augenblicke

Auserwählt
an’s Ziel gequält
Hauptgewinn
Ball ist drin
bestanden, ohne Trick

Glücklicher
Augenblick

An mich gedrückt
verliebt, verrückt,
streichelnde Hand
der Haare Duft, so bekannt
sanfter Kuss im Genick

Liebevoller
Augenblick

Für den einen, das Kotelett
für den Anderen, Café im Bett
Ein Dinner für zwei bei Kerzenlicht
Sonntagsbraten, mein Leibgericht
Sahnetorte dick

Genussvoller
Augenblick.

Wenn eine Liebe die Erde verlässt
Wenn man dich alleine lässt
Wenn das Weh dich fast erdrückt
Wenn das Dunkel Licht erstickt
Verlorenes Glück

Trauriger
Augenblick

Tastender Griff, suchender Blick,
klettere erschöpft das letzte Stück.
Plötzlich erwächst im Abendlicht
Zinnen, Zacken, dicht an dicht
Berge allmächtig

Ich werd verrückt,
Wahnsinnsblick