Flaschenpost

Der Oktoberwind blies kühl über die leere Strandpromenade, als Mara mit langsamen Schritten durch den feuchten Sand ging. Die Ärzte hatten gesagt, sie brauche Ruhe. Freunde hatten ihr geraten, Abstand zu gewinnen. Das Leben kann so brutal sein. nichts konnte den Schmerz mildern, der sich wie eine dunkle Wolke über ihr Herz gelegt hatte.

Der Tod der Zwillingsschwester hat ihr Leben erschüttert. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie war so endlos traurig.

Mara hatte sich an die Nordsee zurückgezogen, in ein kleines Ferienhaus, das sie früher oft mit ihrer Schwester besucht hatte. Jetzt wirkte alles dort fremd und schmerzhaft vertraut zugleich.

Sie setzte sich in den Sand, zog die Knie an die Brust und starrte auf das endlose Grau, das Himmel und Wasser ineinanderfließen ließ. Möwen kreisten über ihr, als suchten sie nach etwas Unsichtbarem.

Plötzlich glitzerte etwas im seichten Wellensaum. Es war nur ein winziger Schein, aber genug, um sie aus ihrer Starre zu reißen. Mara stand auf, watete ein paar Schritte ins kalte Wasser und hob das Objekt auf.

Eine Flasche. Alt, vom Meer glattgeschliffen. Und darin – ein Stück Papier.

Mit klammen Fingern zog sie den Korken heraus und entrollte den Zettel. Die Schrift war verblasst, aber noch lesbar.

„Für den Finder:

Wenn das Meer dir diese Worte schenkt, stehst du vielleicht an einem Punkt, an dem du nicht mehr weiterweißt.

Du bist nicht verloren.

Das Leben hat noch Räume, die du noch nicht betreten hast,

Farben, die du noch nicht gesehen hast,

Menschen, die du noch nicht kennengelernt hast.

Bleib.

Auch wenn es schwer ist.

Irgendwann wirst du wieder lachen – nicht, weil du vergessen hast, sondern weil du weiterlebst.“

Mara las die Zeilen ein zweites Mal. Dann ein drittes. Etwas in ihr begann zu brennen, ganz leise, wie eine fast erstickte Kerze, die doch noch einmal aufflackert.

Sie sah hinaus aufs Meer. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie etwas anderes als Trauer – einen zarten Stich von Hoffnung, so feingliedrig wie ein Muschelrand. Vielleicht hatte der Verfasser dieser Worte selbst einst am Rand gestanden. Vielleicht war es ein Fremder, vielleicht jemand, der längst nicht mehr lebte. Doch die Botschaft hatte ihren Weg zu ihr gefunden. Genau jetzt. Genau hier.

In Maras Augen stiegen Tränen auf, aber sie fühlten sich anders an als die, die sie so lange begleitet hatten. Leichter. Erwärmender.

Sie legte die Flaschenpost in ihre Tasche, stand auf und atmete tief ein. Der Wind strich durch ihr Haar, und der Horizont wirkte nicht mehr wie ein Ende, sondern wie ein Anfang.

Und in diesem Moment wusste Mara: Sie würde es schaffen. Schritt für Schritt. Welle für Welle.

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