Die Essigflasche

Die Essigflasche

Es muss etwa 1967 gewesen sein. Ich war 13 Jahre alt. Meine Mutter und ich kamen vom Einkaufen zurück. Das war selten, denn normalerweise war ich allein fürs einkaufen zuständig. Ich bekam einen Zettel in die Hand gedrückt, musste noch bei Oma vorbeigehen und fragen, ob sie etwas brauchte, und auch bei unserer alten Nachbarin Marie.

Unser A&O Laden war unten im Dorf und wenn ich das Fahrrad den Kilometer zurück auf den Berg nach Hause schob und die Einkaufstüte ständig gegen den Lenker schlug ist so manches Ei zerdeppert.

Von Marie bekam ich immer zwei Zuckersteine, wenn ich zurückkam, und von meiner Oma ein paar Groschen aus dem Wechselgeld.

Meine Mutter stellte die Einkaufstasche auf dem Küchentisch ab, der mitten im Raum stand. Wir hatten eine Wohnküche, und am Tisch standen drei Stühle. Meinen Stuhl musste ich abends immer neben das Küchenbuffet schieben, damit zwischen Küchentisch und dem kleinen Tisch mit dem großen Röhrenradio genug Platz zum Durchgehen blieb.

Mutter räumte die Tasche aus. Es waren die Dinge, die sie immer kaufte: in Zeitungspapierstreifen eingewickelte Eier, Butter, abgewogen in Pergamentpapier, Maggiwürfel, Salz, Essig und Öl. Beim Ausräumen rutschte ihr die Essigflasche aus der Hand, rollte über den Tisch und fiel zu Boden. Die Flasche blieb heil. Nichts war passiert.

Erschrocken starrte sie auf die Essigflasche auf dem Boden. Dann bückte sie sich, hob sie auf und drehte sie verwundert in der Hand.

„Schau mal“, sagte sie ganz überrascht „die sind ja jetzt aus Plastik. Die Essigflasche kann gar nicht mehr kaputtgehen.“

Es war das erste Mal, dass sie eine Kunststoffflasche in den Händen hielt. Mit Bewunderung und Begeisterung gleichzeitig.

„Das nenne ich mal was Sinnvolles.“

Sie wollte sich gar nicht mehr beruhigen.

Was ich den Rest des Tages gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall war ich wieder in der Küche, als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam. Er kam mit dem, für uns, neuen Auto, einem gebrauchten Opel Rekord. Gefühlt hatten zu dieser Zeit alle Väter meiner Freunde und in der Nachbarschaft, so um die Vierzig und mit vielen Fahrstunden, ihren Führerschein gemacht.

In der Küche setzte er sich auf das Sofa, bückte sich und zog seine Schuhe aus. Meine Mutter stand lächelnd mit der Essigflasche am Küchentisch. Ich lehnte am Küchenbuffet und dachte mir, sie will Vater gleich erzählen, dass die Essigflaschen jetzt aus Kunststoff sind.

Vater hatte sich kaum wiederaufgerichtet, da passierte es.

Der Gedanke kam Mutter ganz plötzlich, erzählte sie später, sie wollte Alfred demonstrieren das die Essigflaschen jetzt unkaputtbar sind und sie warf die Flasche mit Schwung und einem Lächeln Alfred vor die Füße.

 Mit einem lauten Knall platzte sie.

Ihr stinkender Inhalt spritzte bis zur Decke durch die ganze Küche.

Mutter stand kreidebleich und wie unter Schock im Raum.

Ich konnte nicht glauben, was da eben passiert war.

Und Vater? Er verstand absolut nichts. Er sagte nur:

„Was soll das jetzt werden, wenn’s fertig ist?“

Mutter stürzte zur Spüle, suchte nach Wischlappen und rief dabei aufgeregt und fast heulend,

„Heute Mittag ist sie doch ganz geblieben! Ich verstehe das nicht, die ist doch jetzt aus Plastik! Soll doch nicht mehr kaputtgehen! Gell Dieter, erzähl Alfred wie das heute Mittag war!“

Und ja, ich erzählte Vater, wie es am Mittag gewesen war, nach dem Einkaufen. Mutter wischte und putzte und schimpfte.

Langsam erkannten wir die komische Seite des Geschehens, und Vater musste laut lachen. Mutter beruhigte sich langsam, aber lachen konnte sie noch nicht.

Der Essiggeruch hielt sich noch lange in der Küche und erinnerte uns eine ganze Zeit lang, an die Geschichte mit der Essigflasche.

Je länger das Ereignis zurücklag, desto lustiger und ausgeschmückter wurde es von jedem wiedergegeben.