Der Brief

Der Brief

Ganz hinten im Kleiderschrank, unter einem Stapel alter Bettwäsche, lag ein Umschlag. Vergilbt vom Alter, darauf stand in der kantigen Handschrift ihres Vaters nur: „Elisabeth“.

Anna zögerte. Ihre Mutter hatte nie viel über Gefühle gesprochen, ihr Vater noch weniger. Worte waren in diesem Haus sparsam gewesen, fast kostbar.

Der Brief strahlt sie geheimnisvoll an.

Schließlich öffnete sie den Umschlag.

Meine geliebte Elisabeth,

ich weiß nicht, ob ich je den Mut haben werde, dir das zu sagen. Aber jedes Mal, wenn ich dich ansehe, weiß ich, dass Liebe nicht aus Blut entsteht, sondern aus Entscheidung. Du bist mein Zuhause geworden, und das Kind, das wir aufnehmen, wird unser Wunder sein.

Anna spürte, wie ihr Herz stockte. Aufnehmen.

Sie las hastig weiter, als könnte der Brief sich selbst wieder schließen.

Vielleicht wird sie uns eines Tages fragen, woher sie kommt. Dann hoffe ich, dass sie versteht: Wir haben sie nicht bekommen – wir haben sie gewählt. Obwohl ihre Mutter ihre Herkunft ablehnt, möchte ich sie nicht verleugnen. Ich hoffe, sie erbt das musikalische Talent ihrer leiblichen Mutter. Ich verspreche, es zu fördern und sie zu unterstützen.

Der Raum wurde still. Kein Ticken, kein Rascheln, nur Annas Atem.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie geglaubt, die Distanz ihres Vaters habe etwas mit ihr zu tun. Dass sie ihm fremd gewesen war. Dass sie nicht genügte.

Langsam setzte sie sich auf das Bett ihrer Mutter.

Sie war ihm fremd gewesen – aber nicht, weil sie nicht seine Tochter war. Sondern weil er Angst gehabt hatte, sie zu verlieren, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

Unwillkürlich dachte sie an die Geige.

Ihr Vater hatte unbedingt gewollt, dass sie Unterricht nahm. Sie war sechs gewesen, als er die Geige nach Hause brachte, fast feierlich, als überreiche er ein Versprechen. Für Anna war es Pflicht geworden. Üben nach der Schule, Tonleitern, strenge Blicke. Die Musik fühlte sich nicht nach Freiheit an, sondern nach Erwartung.

Mit zwölf hörte sie auf. Vier Jahre hatte sie gespielt. Die Mutter unterstützte ihre Entscheidung, sagte, ein Kind müsse atmen dürfen. Der Vater sagte wenig – aber seine Enttäuschung hing wochenlang wie ein Schatten im Haus.

Anna glaubte damals, ihn erneut enttäuscht zu haben.

Mit fünfzehn, drei Jahre später, brachte eine neue Musiklehrerin eine Geige mit in den Unterricht. „Kann jemand von euch dem Instrument ein paar Töne entlocken?“, fragte sie beiläufig.

Anna meldete sich zögerlich.

Die Geige lag fremd und doch vertraut in ihren Händen. Sie spielte die „Kleine Nachtmusik“, ein Stück, das sie einmal gelernt hatte. Unsicher zuerst, dann klarer. Der Raum wurde ruhig – so ruhig wie jetzt.

Die Lehrerin starrte sie an. „Lernst du das Instrument?“

„Nicht mehr“, antwortete Anna.

„Dann vergeudest du dein Talent“, sagte die Lehrerin leise.

Dieser Satz traf sie wie ein Schlag. Zum ersten Mal fragte Anna sich, ob sie wirklich aufgehört hatte, weil sie nicht wollte – oder weil sie hatte müssen.

Von diesem Tag an begann sie wieder zu spielen. Freiwillig. Mit Hunger. Mit Wut, mit Freude. Die Geige wurde ihre Sprache. Jahre später stand sie auf Bühnen, virtuos, sicher, ganz bei sich.

Jetzt, mit dem Brief in der Hand, verstand sie endlich die Intention ihres Vaters. Er hatte nicht gedrängt, um Recht zu behalten. Er hatte gehofft. Gehofft, dass sie das finden würde, was in ihr lag – selbst wenn es Zeit brauchte.

Anna faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein.

Zum ersten Mal fühlte sich die Leerstelle in ihrer Geschichte nicht wie ein Mangel an, sondern wie ein Raum, der mit Liebe gefüllt worden war – nur still, viel zu still.

Sie lächelte.

Mit Tränen in den Augen.