Olemin

Olemin

Der größte Wunsch eines jeden Hobby-Astronomen ist die Entdeckung eines unbekannten Meteoriten oder Asteroiden.
Raimund hatte sich ein kleines Observatorium mit Teleskop auf dem Dachboden aufgebaut.
Wie jeden Abend schaute er mit Spannung durch das Okular.
Er entdeckte ihn sofort, nachdem er das Teleskop ausgerichtet hatte: ein kleiner leuchtender Fleck – und schnell war er in unserer Galaxie unterwegs.
Angespannt schaute er durch das Objektiv. Kaum zu glauben – vielleicht würde er einmal seinen Namen tragen.

Am nächsten Abend konnte er es kaum erwarten, dass es dunkel wurde. Da war er wieder: hell und deutlich zu sehen.
Er zeichnete alles auf und meldete seine Entdeckung an die zuständige Sternwarte in Neumünster. Dort wurden seine Angaben als „Erstsichtung“ bestätigt.
Voller Stolz schaute er Abend für Abend nach „seinem“ Asteroiden.
Es waren etliche Wochen vergangen; er richtete sein Teleskop wiederholt aus – und da: Er war weg. Schock. Unglaublich.
Dann suchte er mit dem Teleskop den Himmel ab. Schließlich fand er ihn, etwa bei den Koordinaten des Vorabends, aber deutlich langsamer. Wie konnte das sein?

Er rief zu später Stunde seinen Freund in der Sternwarte an, in der Hoffnung, ihn noch anzutreffen.
„Wir haben es auch gesehen“, sagte sein Gegenüber. „Er steht fast still – wie kann das sein?“, fragte Raimund aufgeregt.
„Das sieht nur so aus“, antwortete sein Freund.„Er hat seine Richtung abrupt geändert, direkt auf unser Sonnensystem zu. Wir verstehen das im Moment auch nicht. Eigentlich eine Unmöglichkeit.“
Als sie in den nächsten Tagen die neuen Koordinaten überprüften und die Werte berechneten, stand es fest: Der Asteroid war auf dem Weg zu unserem Sonnensystem. Er stellte zwar keine Gefahr dar, weil er es knapp verfehlen würde, aber die Richtung stimmte.

Raimund wurde von der Sternwarte zu einer Konferenz eingeladen. Es ging um die Sichtung des Asteroiden und sein seltsames Verhalten.
Raimund saß neben seinem Freund und war überrascht über die Anzahl hochdotierter Astronomen und Wissenschaftler. Als er in die Runde blickte, sah er sogar namhafte Politiker.
Der Direktor der Sternwarte kam nach der Begrüßung sofort zum Thema.
Im Raum herrschte eine erwartungsvolle Stille.

„Alle hier Anwesenden haben Kenntnis von dem, von Raimund Harb entdeckten Asteroiden, – ebenso von seinem seltsamen Verhalten“, begann der Direktor.
„Gleich vorweg: Es handelt sich nicht um einen Asteroiden. Es kann nur ein Raumschiff sein. Anders lässt sich die sprunghafte Richtungsänderung dieses Flugobjekts nicht erklären.“
Das Gesagte erschütterte den Raum wie eine Bombe.
Ungläubige Gesichter, offenstehende Münder. Erst nach und nach sickerte die Bedeutung in die Köpfe der Anwesenden. Es folgte ein Stimmengewirr, erstaunte Ausrufe; es wurde immer lauter.
„Meine Herren, beruhigen Sie sich“, versuchte der Direktor, sich wieder Gehör zu verschaffen. „Lasst uns die Beobachtungen sachlich bewerten und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Reden Sie nicht alle durcheinander und heben Sie die Hand. Wir wollen alle Fragen beantworten.“
„Das würde ja bedeuten, Aliens sind auf dem Weg zu uns“, hörte man eine aufgeregte Stimme.
„Nicht unbedingt“, antwortete der Direktor. „Es kann auch eine unbemannte Sonde sein.“
„Wann kommt das Flugobjekt hier an?“, fragte jemand.
„Nach unseren Berechnungen in knapp zwei Jahren“, lautete die Antwort.

Es gab noch viele Fragen, und es ging turbulent weiter, bis die Leitung der Sternwarte die Veranstaltung für beendet erklärte.
Das Weltgeschehen trat in den Hintergrund. Im TV, auf Social Media und in Printmedien gab es nur noch ein Thema: das unbekannte Flugobjekt.
Am Anfang wollten die Regierungen Informationen über die Außerirdischen zurückhalten. Geheimhaltung wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Strategie, um Fehlinformationen und Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Das gab man jedoch schnell wieder auf, weil es Misstrauen in der Bevölkerung schürte und Verschwörungstheorien heraufbeschwor.
Angesichts der potenziellen Bedrohung durch eine außerirdische Macht verlangte die Menschheit, sich zusammenzuschließen und ein Verteidigungsbündnis zu bilden. Das Ereignis bewegte die Staaten zu einer seltenen internationalen Kooperation mit dem Ziel, Wissen und Ressourcen zu vereinen, um sich gegen eine möglicherweise überlegene außerirdische Technologie verteidigen zu können.

Grundsätzlich herrschte vorwiegend die Meinung, die Menschheit sei in großer Gefahr, und die Außerirdischen seien eine Bedrohung, die nur ein Ziel habe: die Ressourcen der Erde auszubeuten und die Menschheit zu zerstören.
Die Gesellschaft war gespalten. Die einen wollten für den Erstkontakt eine Willkommensstrategie entwickeln und eine friedliche Kommunikation vorbereiten. Die anderen verlangten ein Verteidigungsbündnis, Abwehrkonzepte – bis hin zum baldmöglichsten Abschuss der Fremdlinge.

Das Raumschiff war viel früher im Sonnensystem angekommen als berechnet. Es stand jetzt an einem Lagrange-Punkt in der Umlaufbahn zum Mars. Es hatte etwa die Größe von Ceres. Es war gewaltig.
Dort verharrte es in sicherem Abstand.
Innerhalb von Stunden ging die Nachricht um die Welt. Es herrschte Panik und Angst, und die wenigsten glaubten an eine friedliche Begegnung. Die Mehrheit der Bevölkerung rechnete mit einem Angriff.
Es gab Dauerberichterstattung, und die Medien lebten von unzähligen Spekulationen.
Die Wissenschaft analysierte fieberhaft Form, Materie und Energieabgabe des Raumschiffs.
Die Vereinten Nationen und die großen Raumfahrtagenturen NASA, ESA und Roskosmos richteten Radioteleskope aus, sendeten Signale in allen bekannten mathematischen Mustern. Raumsonden wurden gestartet, um das Objekt zu untersuchen. Militärische Kräfte blieben in Alarmbereitschaft; die Satellitenabwehr wurde aktiviert.
Regierungen riefen zur Ruhe und Besonnenheit auf, während sie hinter verschlossenen Türen Szenarien für Erstkontakt und Abwehr entwarfen.

Nach vier Wochen war das Raumschiff zu einem stillen Teil des Himmels geworden – wie ein zweiter Mond, der dort oben schwebte.
Die Menschheit hatte gelernt, mit der Anwesenheit des Unbegreiflichen zu leben.

Zahlreiche Kriege, Katastrophen und Hungersnöte auf der einen Seite; Reichtum, Überfluss, Hass und Neid auf der anderen. Wieder und wieder füllten dieselben Schrecken die Schlagzeilen. Die Welt brüllte ihre prahlenden, kriegerischen und erbärmlich primitiven Gedanken hinaus in den Kosmos, begleitet von Bildern, so abscheulich, dass sie im All widerhallten wie ein verzweifelter Hilfeschrei.
Und dort oben, fernab der Erde, wurde all dies mit wachsendem Argwohn verfolgt. Jede Nachricht, jede Meldung, jedes ungezügelte Treiben.

Die Olemin – so nannten sich jene fremden Wesen – bemerkten zunächst kaum, dass ihr gigantisches Raumschiff zum Stillstand gekommen war. Sie führten ihr Leben fort: erfüllt von Kunst, Musik, geistiger Entfaltung und allem, was Freude und Harmonie schafft. Vor allem ihr Umgang miteinander wäre uns sofort ins Auge gefallen: für uns ein fast übertrieben höfliches und würdevolles Miteinander – ja fast andächtig, warm wie ein ständiger Sonnenaufgang.

Nur in den Führungsetagen herrschte Geschäftigkeit. Seit jener ersten Sichtung – vor Monaten, als sie diese strahlend blaue Kugel inmitten eines unscheinbaren Sonnensystems entdeckt hatten – war die Hoffnung groß gewesen, endlich auf wahrhaft intelligentes Leben zu stoßen. Doch der anfängliche Euphorie war längst Ernüchterung gewichen.
Was sie auf dem Planeten beobachteten, war zutiefst verstörend. Ja, erschreckend.
Von Intelligenz – im Sinne von Weisheit, Empathie, Weitsicht – keine Spur. Zwar fanden sie vielfältiges, prachtvolles Leben und eine dominierende Spezies, die sich selbst „Mensch“ nannte. Höher entwickelt als alle anderen, zweifellos. Aber intelligent? Nein.
Diese Menschen aßen ihre Mitgeschöpfe, zerstörten ihre prachtvolle Welt, erschöpften Ressourcen und verpesteten ihre lebensnotwendige Luft wie auch die Meere. Sie ließen ihresgleichen im Elend verhungern. Und schlimmer noch: Sie töteten einander – aus Gründen so nichtig und nieder, dass die Olemin sie kaum zu begreifen vermochten.
Für die Olemin war die Menschheit ein Paradoxon – und ein warnendes Beispiel.

Zuerst wollten die Olemin enttäuscht den Ort verlassen und weiter in den Weltraum ziehen. Eine Kontaktaufnahme würde ihrem Volk nichts Positives bringen. Ein Handel war nicht erforderlich. Alles, was sie brauchten, hatten sie auf ihrem Raumschiff. Rohstoffe schürften sie auf Kometen und Planeten, die ihre Reise kreuzten.
Und doch gebot ihre Natur, es nicht unversucht zu lassen, die Menschheit zum Umdenken zu bewegen – auch im Bewusstsein, dass die Menschheit dazu selbst nicht in der Lage war.
Die Olemin waren Lichtwesen, die Wärme und Güte in ihre Umgebung trugen – Wesen, die ihr Umfeld ein Stück leiser und liebevoller machten.
Die Olemin hatten eine Repräsentantin, eine sogenannten Hüterin der Tradition. Sie vertrat die Interessen aller Olemin.
Die Menschheit auf dem Planeten Erde hatte sich auf eine solche, alle Lebewesen vertretende Persönlichkeit nicht einigen können.
Mehrere Staats- und Regierungschefs sowie diktatorische Organisationen forderten den Anspruch „Weltenvertreter“ für sich.
Dadurch hatten die Olemin keinen Ansprechpartner für die gesamte Welt.

Sie entschieden sich für einen anderen Weg der Kontaktaufnahme.
In den wissenschaftlichen Etagen der NASA war man enttäuscht und ungläubig, dass man bei allen Bemühungen keinen Kontakt herstellen konnte. Man sendete in allen bekannten Wellen und Frequenzen, empfing unzählige Signale, aber eine verwertbare Antwort konnte man nicht entschlüsseln.

In diesem Moment der Ratlosigkeit geschah es.
Eines Mittags, um Punkt zwölf Uhr, empfing man auf allen Kanälen der Erde Gesänge von Vögeln und Walen, und auf allen Bildschirmen und Monitoren der Weltbevölkerung erschienen die entsprechenden Natur- und Landschaftsbilder. Ungläubig und doch fasziniert schauten und hörten alle gebannt zu.
Dann das Bild einer fremden Umgebung: hell, harmonisch und schön.
Mitten im Raum stand ein fremdes, schwer zu beschreibendes Wesen und begann zu sprechen.
So schön, wie es anzusehen war, so warm und angenehm kräftig war seine Stimme. Jeder Mensch hörte ihn aus seinem Empfänger, in der eingestellten Landessprache.

„Die Olemin begrüßen die gesamte Menschheit auf diesem Juwel und schönsten aller Planeten, dem wir auf unserer jahrtausendelangen Reise begegnet sind.“
Das fremdartige Wesen blickte freundlich und ruhig in die zahllosen Augen der ganzen Welt.
Sein Licht schimmerte wie Wasser in der Morgensonne, sanft und doch würdevoll. Die Stille war vollkommen – auf der Erde, im Orbit, in den Tiefen der Meere. Kein Mensch wagte zu sprechen.

Dann hob es erneut die Stimme:
„Wir sind die Olemin.
Wir kommen aus den weiten, stillen Räumen zwischen den Sternen.
Wir sind Reisende des Lichts und Bewahrer des Gleichgewichts.“
Eine kurze Pause. Das Wesen schien die ganze Erde zu betrachten, als könne es jede Seele einzeln sehen.
„Ihr nennt euch Menschen.
Ihr seid jung – eine junge Art, eine junge Zivilisation, ein junger Geist.
Und doch habt ihr eine Welt erschaffen, die wir nur als ein Wunder bezeichnen können.“

Sanfte Bilder erschienen: Gebirge, Meere, Kinder, Wälder im Wind, Tiere in Freiheit. Die Menschheit hielt den Atem an.
„Kein Planet, den wir je sahen, trug so viel Schönheit.
Kein Planet so viel Vielfalt.
Und doch – ein Planet, der seiner eigenen Zerstörung so nahe ist.“
Nun wechselten die Bilder: Kriege, verschmutzte Meere, brennende Wälder, Hunger, Gewalt. Die Worte blieben ruhig, ohne Vorwurf – und gerade deshalb so tiefschneidend.
„Wir sind nicht hier, um zu richten.
Wir sind nicht hier, um zu herrschen.
Wir sind nicht hier, um euch zu fürchten oder zu bekämpfen.
Wir beobachten.“
Die Stimme wurde weicher, beinahe liebevoll:
„Wir beobachteten euer Licht – eure Kunst, eure Musik, eure Hoffnung.
Wir beobachteten eure Schatten – eure Gier, euren Hass, eure Zerbrechlichkeit.
Ihr seid ein Volk der Extreme, Kinder eines atemberaubenden Planeten.“

Ein warmes Leuchten ging von dem Wesen aus.
„In euch liegt Größe.
In euch liegt Zerstörung.
Beides habt ihr selbst erschaffen.“

Dann sprach es die Worte, die sich später unauslöschlich in die Geschichte einbrennen sollten:
„Wir halten euch nicht für ein unintelligentes Volk.
Aber wir halten euch noch nicht für weise.“

Die Menschheit schwieg, getroffen und doch wissend, dass diese Worte Wahrheit trugen.

„Wir – die Olemin – sind viele hunderttausend eurer Jahre älter.
Wir standen einst dort, wo ihr heute steht.
Wir zerstörten, wir kämpften, wir litten.
Erst nach wiederholtem Scheitern, nach Zeiten des Sturzes und der Dunkelheit, lernten wir zu verstehen:
Wahre Intelligenz ist nicht Macht.
Wahre Intelligenz ist Mitgefühl.
Wahre Intelligenz ist Verantwortung.“

Ein leises Summen durchströmte das Bild, wie der Flügelschlag eines großen Lichts.
„Ihr müsst diesen Weg selbst gehen. Respektvolles Handeln gegenüber jeglichem Leben ist das wahre Maß für Intelligenz.

Wir bringen euch keine Waffen, keine Technologie, keine Lösung.
Wir bringen euch nur einen Spiegel.“
Bilder der Erde erschienen, wie sie sein könnte: frei von Krieg, in Gesundheit, in Gemeinschaft, im Frieden mit sich selbst.
„Wenn ihr eines Tages gelernt habt, eure eigene Welt zu achten …
Wenn ihr gelernt habt, einander zu achten …
Dann – und erst dann – wird ein erneutes Zusammentreffen möglich sein.“
Die Gestalt verneigte sich leicht, wie vor einer großen, verletzten, aber hoffnungsvollen Familie.
„Wir wünschen euch, Menschen der Erde, die Kraft, eure Zukunft zu wählen.
Das Licht in euch ist stark.
Erinnert euch daran.“

Die Übertragung verblasste.
Vögel und Wale verstummten.
Die Bildschirme wurden schwarz.
Und für einen langen Moment stand die Menschheit still.

In den Tagen nach der Botschaft der Olemin rückte Raimund Harb, der zufällige Sternengucker mit dem kleinen Dachbodenobservatorium, erneut ins Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Man bat ihn, vor den Vereinten Nationen einige Worte zu sprechen –
wie es zur Entdeckung des Raumschiffs kam.
Raimund war nervös. Er stand in seinem schlichten Anzug auf einer Bühne vor Kameras, Staatschefs und Wissenschaftlern – und wusste dennoch, dass alles Wesentliche bereits gesagt worden war.
Also sprach er nicht als Politiker. Nicht als Wissenschaftler.
Sondern als Mensch.

Er trat ans Mikrofon, blickte in die Gesichter, die ihn erwartungsvoll anschauten, und lächelte zaghaft.

„Ich habe nie nach Außerirdischen gesucht“, begann er leise.
„Ich habe nur den Himmel geliebt.“

„Ich wollte nur verstehen.
Verstehen, was da draußen ist.“

„Als ich diesen kleinen Lichtpunkt sah, dachte ich zuerst an einen neuen Asteroiden.
Etwas Kleines, Unbekanntes.
Etwas, das –“
Er lächelte kurz.
„Vielleicht einmal meinen Namen tragen würde.“

Einige lachten erleichtert, doch Raimund wurde wieder ernst.

„Heute weiß ich:
Nicht ich habe etwas Großes entdeckt.
Etwas Großes hat uns entdeckt.“
Der Saal wurde still.
Absolute Stille.
„Und es schaut auf uns, so wie wir auf den Sternenhimmel schauen.
Mit Hoffnung und Sorge zugleich.“

Raimund atmete ein, sah kurz hinauf, als wäre der Himmel selbst durchs Dach zu erkennen.
„Ich habe gelernt:
Wir sind nicht das Zentrum des Universums.
Aber wir sind verantwortlich für das kleine Stück Kosmos, das wir ‚Erde‘ nennen.“

Er hielt inne. Suchte nach Worten – Worten, die tief in jedem hätten entstehen können.
„Ich hoffe, dass wir eines Tages nicht mehr aus Angst in den Himmel schauen –
sondern mit Stolz.“

Dann sprach er jenen Satz, der später in Schulbüchern stehen würde, auf Denkmälern und in zahllosen Herzen:
„Wenn die Olemin eines Tages zurückkehren,
dann nicht, um uns zu beurteilen –
sondern weil wir gelernt haben, einander zu sehen.“

Er trat vom Mikrofon zurück.
Ein Mann, der in einer stillen Nacht einfach nur den Himmel betrachtet hatte.

Schutzengel

Schutzengel

Ich fuhr mit meinem Mountainbike zügig auf die Ampel am Ortseingang zu. Der Abend dämmerte, und vor mir zeichnete sich eine seltsame Szene ab – Blaulicht flackerte über Asphalt und Nebel, ein Notarztwagen, ein Polizeiauto, Menschen in Bewegung. Es wirkte wie eine Unfallstelle.

Und dann sah ich ihn.

Der Gedanke traf mich wie ein Blitz, und in dem Moment wusste ich, wer er war.
Ein Engel – wahrhaftig ein Engel.

Alles geschah in einem Wimpernschlag. Ich kann nicht sagen, warum ich mir so sicher war, aber ich erkannte ihn sofort: links, leicht erhöht, ein Mann in einem hellgrauen Anzug. Um ihn lag ein schimmernder Dunst, und doch war er überdeutlich zu sehen – ruhig, erhaben, unbegreiflich. Ein Schutzengel.

Da drehte er sich zu mir. Seine Augen trafen meine, voller Erschrecken – und im selben Moment kam der Knall. Dann war alles schwarz. Und still.

Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in einem Krankenhausbett. Ich spürte nichts. Wirklich nichts. Keine Schmerzen, keine Angst, keine Kälte, keine Wärme – nur Leere.

Und da saß er, zu meinen Füßen, am Ende des Bettes. Der Kopf gesenkt, die Hände ineinander verschränkt.

Er sah auf, und seine Stimme war leise, brüchig:
„Es tut mir unendlich leid, dass das geschehen ist. Es ist allein meine Schuld. Ich sollte auf dich aufpassen, dich beschützen. Aber ich habe versagt. Ich bin der traurigste Engel des Universums.“

Ich verstand nichts.
„Was ist passiert? Wo bin ich?“, fragte ich.

„Du bist überfahren worden“, antwortete er. „Du liegst im Krankenhaus, schwer verletzt, im Koma – und du stirbst. Ich, dein Schutzengel, hätte das verhindern sollen. Aber ich habe mich ablenken lassen – durch einen anderen Unfall, ganz in der Nähe. Ich wollte helfen, und in dem Moment, als ich dich sah, erinnerte ich mich an meine Aufgabe. Doch da war es schon zu spät.“

Er senkte wieder den Kopf. Schweigen.

„Und was wird jetzt aus mir?“, fragte ich schließlich.

„Ich darf bei jedem Auftrag nur ein einziges Menschenleben retten“, sagte er. „Aber vielleicht gibt es eine Lösung. Ich werde mich rechtfertigen müssen, und vielleicht bekomme ich nie wieder einen Auftrag. Doch wenn ich dich rette und du mir versprichst, ein ehrfürchtiges Leben zu führen, dich für hilfsbedürftige Menschen einzusetzen – dann gibt es Hoffnung. Dann rettest du nicht nur dich selbst, sondern vielleicht auch mich.“

„Und wenn ich mich später nicht mehr an dich erinnere – wie soll ich mich dann an mein Versprechen halten?“

Der Engel lächelte traurig. „Ein Gefühl wird dich begleiten. Es wird dich leiten und dir zeigen, was richtig ist. Du wirst wissen, was du tun musst – und du wirst glücklich dabei sein.“

Als ich wieder zu mir kam, standen Ärzte und Krankenschwestern an meinem Bett.
„Willkommen zurück in der Welt“, sagte einer der Ärzte. „Wir hatten kaum noch geglaubt, dass du es schaffst. Du warst sehr schwer verletzt – aber du musst einen guten Schutzengel gehabt haben.“

„Werde ich wieder ganz gesund? Ohne bleibende Schäden? Ich will doch Pilot werden“, flüsterte ich.

Hermann Geiger war mit über zweitausend Rettungsflügen einer der bedeutendsten Piloten der Bergwacht. Seine Einsätze waren gefährlich, und mehr als einmal hatte wohl auch er einen Schutzengel an seiner Seite.

Einmal, nach seinen Erfolgen gefragt, sagte er:
„Meine Arbeit hat mich glücklich gemacht. Ich wusste immer, was zu tun war – und dafür war ich sehr dankbar.“

Flaschenpost

Flaschenpost

Der Oktoberwind blies kühl über die leere Strandpromenade, als Mara mit langsamen Schritten durch den feuchten Sand ging. Die Ärzte hatten gesagt, sie brauche Ruhe. Freunde hatten ihr geraten, Abstand zu gewinnen. Das Leben kann so brutal sein. nichts konnte den Schmerz mildern, der sich wie eine dunkle Wolke über ihr Herz gelegt hatte.

Der Tod der Zwillingsschwester hat ihr Leben erschüttert. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie war so endlos traurig.

Mara hatte sich an die Nordsee zurückgezogen, in ein kleines Ferienhaus, das sie früher oft mit ihrer Schwester besucht hatte. Jetzt wirkte alles dort fremd und schmerzhaft vertraut zugleich.

Sie setzte sich in den Sand, zog die Knie an die Brust und starrte auf das endlose Grau, das Himmel und Wasser ineinanderfließen ließ. Möwen kreisten über ihr, als suchten sie nach etwas Unsichtbarem.

Plötzlich glitzerte etwas im seichten Wellensaum. Es war nur ein winziger Schein, aber genug, um sie aus ihrer Starre zu reißen. Mara stand auf, watete ein paar Schritte ins kalte Wasser und hob das Objekt auf.

Eine Flasche. Alt, vom Meer glattgeschliffen. Und darin – ein Stück Papier.

Mit klammen Fingern zog sie den Korken heraus und entrollte den Zettel. Die Schrift war verblasst, aber noch lesbar.

„Für den Finder:

Wenn das Meer dir diese Worte schenkt, stehst du vielleicht an einem Punkt, an dem du nicht mehr weiterweißt.

Du bist nicht verloren.

Das Leben hat noch Räume, die du noch nicht betreten hast,

Farben, die du noch nicht gesehen hast,

Menschen, die du noch nicht kennengelernt hast.

Bleib.

Auch wenn es schwer ist.

Irgendwann wirst du wieder lachen – nicht, weil du vergessen hast, sondern weil du weiterlebst.“

Mara las die Zeilen ein zweites Mal. Dann ein drittes. Etwas in ihr begann zu brennen, ganz leise, wie eine fast erstickte Kerze, die doch noch einmal aufflackert.

Sie sah hinaus aufs Meer. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie etwas anderes als Trauer – einen zarten Stich von Hoffnung, so feingliedrig wie ein Muschelrand. Vielleicht hatte der Verfasser dieser Worte selbst einst am Rand gestanden. Vielleicht war es ein Fremder, vielleicht jemand, der längst nicht mehr lebte. Doch die Botschaft hatte ihren Weg zu ihr gefunden. Genau jetzt. Genau hier.

In Maras Augen stiegen Tränen auf, aber sie fühlten sich anders an als die, die sie so lange begleitet hatten. Leichter. Erwärmender.

Sie legte die Flaschenpost in ihre Tasche, stand auf und atmete tief ein. Der Wind strich durch ihr Haar, und der Horizont wirkte nicht mehr wie ein Ende, sondern wie ein Anfang.

Und in diesem Moment wusste Mara: Sie würde es schaffen. Schritt für Schritt. Welle für Welle.

Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Armes Häschen, bist du krank,dass du nicht mehr hüpfen kannst?

Wir leben in einem wunderschönen Haus am Rande von Ingolstadt, dort, wo die Stadt langsam in Wiesen und Felder übergeht. Mein Mann arbeitet als Manager bei Audi – seinem Beruf verdanken wir dieses kleine Paradies mit Blick auf die Natur.
Eines Abends machte ich mich mit unserem Labrador Rocky auf den Weg zu einem Spaziergang. Ausnahmsweise begleiteten mich auch meine Zwillinge. Acht Jahre alt – und meist nur schwer zu bewegen, mitzukommen.

Die Sonne stand tief und tauchte die Felder in ein warmes, goldenes Licht. Rocky rannte ausgelassen über die Wiesen – ein wunderschöner, friedlicher Spätsommerabend. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich endlich einmal mit den Jungs über die Schule zu unterhalten. Doch mitten in unser Gespräch hinein fuhr Rocky plötzlich auf, stürmte los – über das Feld, als hätte ihn ein unsichtbarer Ruf gepackt.

Ich rief, pfiff, schimpfte – vergeblich. Er musste eine Spur aufgenommen haben, ein flüchtendes Tier vielleicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er schließlich zurück. Und sofort sah ich: Er hatte etwas im Maul.

Als er näherkam, stockte mir der Atem. Vor ihm lag ein winziges, zitterndes Bündel – ein junges Häschen. Es bewegte sich kaum, der rechte Hinterlauf blutete, das Herz schlug rasend unter dem dünnen Fell.

Für meine Jungs war der Fall klar: Drama pur – und sofortiger Handlungsbedarf.
„Mama! Wir müssen zum Tierarzt! Sofort! Sonst stirbt es noch!“
Ihr Ernst und ihre Entschlossenheit ließen keinen Widerspruch zu. Also wickelte ich das Häschen vorsichtig in meine Jacke, trug es nach Hause, setzte es in Rockys Transportbox und fuhr los.

Unser Tierarzt kennt uns gut – er war es gewohnt, Rocky zu versorgen, aber ein Feldhase war auch für ihn etwas Neues. Er hörte sich geduldig die aufgeregten Erklärungen meiner Söhne an, schmunzelte und begann, das Tier zu untersuchen.
„Na, schauen wir uns den kleinen Patienten einmal genauer an.“ Seine Hände tasteten sanft den winzigen Körper ab. Dann sah er mich an.
„Das ist nicht gut“, sagte er leise. „Der Oberschenkel ist gebrochen, der Knochen steht hervor. Mit so einer Verletzung überlebt ein Feldhase in der Natur nicht.“

„Man müsste operieren“, fügte er hinzu.
„Kann man das?“, riefen die Jungs fast gleichzeitig.
Der Arzt lachte. „Natürlich kann man das. Aber ich glaube nicht, dass sich das die Haseneltern leisten können.“
„Mama, aber wir! Wir bezahlen das! Bitte!“
„Kinder, das geht doch nicht. Eine Operation kostet viel Geld, selbst für Rocky wäre das schon teuer.“
„Aber Mama, er stirbt sonst!“

Ich seufzte. „Das muss ich erst mit Papa besprechen.“
Ein kurzer Anruf – eine aufgeregte Diskussion – und schließlich die Bedingung:
„Wenn ihr helft und euer Taschengeld dazugebt, machen wir’s.“

Und so geschah es.

Der kleine Feldhase bekam ein Titanimplantat mit acht winzigen Schrauben in seinen Oberschenkel eingesetzt. Die Wunde wurde mit selbstauflösenden Fäden vernäht, der Verband sah fast professioneller aus als der von so manchem Fußballspieler.

Als der Hase aus der Narkose erwachte, erklärte der Tierarzt den Jungs mit einem Schmunzeln:
„Er braucht jetzt viel Flüssigkeit – und geraspelte Möhren. Und ein bisschen Liebe schadet auch nicht.“

Wir nahmen unseren Patienten mit nach Hause. Schon nach wenigen Tagen war er wieder erstaunlich munter. Von Schonung wollte er nichts wissen. Kaum öffnete ich den Käfig, hoppelte er neugierig durch seinen kleinen Stall und schnupperte an allem, was neu roch.
„Mama, wir können ihn doch behalten, oder?“
Ich lächelte. „Nein, Lieblinge. Das ist ein Feldhase. Er gehört in die Natur – zu den Seinen.“

Am nächsten Tag brachten wir ihn dorthin zurück, wo Rocky ihn gefunden hatte. Die Sonne stand wieder tief, als sich das Häschen noch einmal umdrehte – und dann zwischen die Halme des Maisfeldes verschwand. Die Jungs machten ein letztes Foto.


Einige Jahre später

Ein paar Kilometer weiter, im Nachbarort, feierte Förster Heinz seinen 80. Geburtstag. Sein Sohn, selbst Jäger, wollte dem Vater eine besondere Freude machen: einen Hasenbraten – klassisch, wie früher.
Heinz’ Frau bereitete ihn mit Rotkraut und Knödeln zu, klassisch mit Füllung und im Ganzen im Bräter.

Nur den Kopf ließ sie abtrennen; selbst ihr Mann konnte es nicht ertragen, wenn der Hase von der Servierplatte aus seinen Augenhöhlen herübersah.

Als alle Gäste versammelt waren, reichte sie dem Jubilar das beste Stück: den Hinterlauf.
„Guten Appetit, Heinz!“

Er schnitt an – und hielt plötzlich inne. Etwas Metallisches blitzte zwischen den Fleischfasern auf. Eine winzige, silbrig schimmernde Platte.

Verwundert legte er das Messer beiseite. Seine Frau sah ihn fragend an.
„Was ist los?“
Er zeigte nur stumm auf seinen Teller.

Alle beugten sich darüber – und dann herrschte Schweigen.
Alle sahen eine glänzende Metallplatte mit winzigen Schrauben. Eindeutig etwas Medizinisches.

Niemand sagte etwas. Niemand wusste eine Erklärung. Sprach- und Ratlosigkeit.

Nur der kleine Enkel, sechs Jahre alt, grinste über den Tisch hinweg.
„Ist doch klar!“, sagte er stolz. „Der Hase war bestimmt auf dem Nachhauseweg von der Häschenschule, ist hingefallen und hat sich das Bein gebrochen. Dann wurde er in der Hasenklinik operiert – und ist wieder ganz gesund geworden!“

Einen Moment war es still. Dann lachten alle.
Und beschlossen, es genauso zu glauben.

Nur eines blieb: Der Appetit war allen vergangen

Scherben bringen Glück

Scherben bringen Glück

Fred saß auf dem Dachfirst und montierte die Satellitenschüssel; er war fast fertig. Er wusste sofort, was falsch war, als er dieses knackende Geräusch hörte, während er die Schraube nur noch ein kleines Stück fester anziehen wollte.

Der Halter brach, die schwere Schüssel kippte aufs Dach und rauschte talwärts. Das Dachfenster war gekippt, konnte die Schüssel nicht aufhalten und zerbrach. Auch die Solarpaneele hielten sie nicht auf; zwei von ihnen gaben knirschend nach, und die Schüssel rauschte weiter Richtung Dachrinne. Zuerst dachte ich, sie bliebe dort hängen, aber dann kippte sie ganz langsam über die Kante.

Der Wintergarten war erst vor zwei Jahren installiert worden und war eigentlich unser ganzer Stolz. Die Schüssel brach mit einem lauten Knall durch das Dachglas.
Als wären die vielen Scherben nicht genug gewesen, stürzte die Schüssel anschließend auf den Glastisch.

Meine Frau kam schreiend aus der Küche gerannt und sah die Satellitenschüssel auf dem Scherbenhaufen liegen. Gott sei Dank – nicht ihr Mann Fred. Durch das Glasloch konnte sie oben auf dem First Fred sitzen sehen, der sein Gesicht in den Händen vergrub.

Der Versicherungsvertreter staunte nicht schlecht. Er blickte auf den Scherbenhaufen. „Sie wollten lediglich eine Satellitenantenne montieren?“, fragte er ungläubig.

Er musste zwar verschiedene Versicherungen bemühen – Glasbruch, Hausrat etc. – doch mit etwas Kulanz konnte der größte Teil des Schadens ersetzt werden.

Nun war alles wieder repariert, und es musste nur noch die neue Satellitenschüssel aufs Dach gehoben und montiert werden – diesmal von einem Fachbetrieb aus dem Nachbarort. Sie hatten sogar einen kleinen Kranausleger, um die Schüssel hochzuheben.

In all den Jahren war dem Handwerker so etwas noch nie passiert. Er hatte nur die Schraube ein kleines bisschen fester anziehen wollen, als er das knackende Geräusch hörte.

Im selben Moment wusste er genau, was er falsch gemacht hatte.

Die Amsel und die kleine Nachtmusik

Die Amsel und die kleine Nachtmusik

Es war ein milder Frühlingsabend in Wien. Wolfgang Amadeus Mozart saß erschöpft, aber zufrieden auf einer alten Holzbank in seinem kleinen Garten. Hinter ihm lagen anstrengende Tage. Die Arbeit an seiner Oper Don Giovanni forderte ihm alles ab. Nun gönnte er sich einen Moment der Ruhe.

Die Sonne war schon tief gesunken, der Himmel glühte in sanftem Abendrot. Da erklang plötzlich ein klarer, lebhafter Vogelgesang aus der Krone eines nahen Baumes. Eine Amsel hatte sich auf einem Ast niedergelassen und ihre fröhlichen Triller durchschnitten die Abendstille.

Mozart horchte auf. Die verspielten Tonfolgen, das Wechselspiel aus schnellen Läufen und sanften Flötentönen – es war, als ob die Amsel selbst ihm ein kleines Konzert darbot. Eine Melodie blieb ihm besonders im Ohr: leicht, heiter, verspielt geträllerte Tonfolgen.

Am nächsten Abend saß er wieder dort, mit gespitzten Ohren. Die Amsel war zurück, als wäre sie eigens für ihn gekommen. Diesmal nahm Mozart Feder und Notenblatt mit. Er kritzelte kleine Motive, spielte mit den Melodien, fügte hinzu, ließ weg – doch immer wieder kehrte er zu den Trillern des Vogels zurück.

So, aus der Begegnung zwischen Menschen und Natur, entstand jene Musik, die später als „Eine kleine Nachtmusik“ unsterblich werden sollte – ein Werk, leicht wie der Amselgesang, hell wie der Abendhimmel, und voller Lebensfreude.

Bis heute, so sagt man, trällern die Amseln in Wien besonders schön.

Vielleicht singen sie noch immer für Mozart.