Der Brief

Der Brief

Ganz hinten im Kleiderschrank, unter einem Stapel alter Bettwäsche, lag ein Umschlag. Vergilbt vom Alter, darauf stand in der kantigen Handschrift ihres Vaters nur: „Elisabeth“.

Anna zögerte. Ihre Mutter hatte nie viel über Gefühle gesprochen, ihr Vater noch weniger. Worte waren in diesem Haus sparsam gewesen, fast kostbar.

Der Brief strahlt sie geheimnisvoll an.

Schließlich öffnete sie den Umschlag.

Meine geliebte Elisabeth,

ich weiß nicht, ob ich je den Mut haben werde, dir das zu sagen. Aber jedes Mal, wenn ich dich ansehe, weiß ich, dass Liebe nicht aus Blut entsteht, sondern aus Entscheidung. Du bist mein Zuhause geworden, und das Kind, das wir aufnehmen, wird unser Wunder sein.

Anna spürte, wie ihr Herz stockte. Aufnehmen.

Sie las hastig weiter, als könnte der Brief sich selbst wieder schließen.

Vielleicht wird sie uns eines Tages fragen, woher sie kommt. Dann hoffe ich, dass sie versteht: Wir haben sie nicht bekommen – wir haben sie gewählt. Obwohl ihre Mutter ihre Herkunft ablehnt, möchte ich sie nicht verleugnen. Ich hoffe, sie erbt das musikalische Talent ihrer leiblichen Mutter. Ich verspreche, es zu fördern und sie zu unterstützen.

Der Raum wurde still. Kein Ticken, kein Rascheln, nur Annas Atem.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie geglaubt, die Distanz ihres Vaters habe etwas mit ihr zu tun. Dass sie ihm fremd gewesen war. Dass sie nicht genügte.

Langsam setzte sie sich auf das Bett ihrer Mutter.

Sie war ihm fremd gewesen – aber nicht, weil sie nicht seine Tochter war. Sondern weil er Angst gehabt hatte, sie zu verlieren, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

Unwillkürlich dachte sie an die Geige.

Ihr Vater hatte unbedingt gewollt, dass sie Unterricht nahm. Sie war sechs gewesen, als er die Geige nach Hause brachte, fast feierlich, als überreiche er ein Versprechen. Für Anna war es Pflicht geworden. Üben nach der Schule, Tonleitern, strenge Blicke. Die Musik fühlte sich nicht nach Freiheit an, sondern nach Erwartung.

Mit zwölf hörte sie auf. Vier Jahre hatte sie gespielt. Die Mutter unterstützte ihre Entscheidung, sagte, ein Kind müsse atmen dürfen. Der Vater sagte wenig – aber seine Enttäuschung hing wochenlang wie ein Schatten im Haus.

Anna glaubte damals, ihn erneut enttäuscht zu haben.

Mit fünfzehn, drei Jahre später, brachte eine neue Musiklehrerin eine Geige mit in den Unterricht. „Kann jemand von euch dem Instrument ein paar Töne entlocken?“, fragte sie beiläufig.

Anna meldete sich zögerlich.

Die Geige lag fremd und doch vertraut in ihren Händen. Sie spielte die „Kleine Nachtmusik“, ein Stück, das sie einmal gelernt hatte. Unsicher zuerst, dann klarer. Der Raum wurde ruhig – so ruhig wie jetzt.

Die Lehrerin starrte sie an. „Lernst du das Instrument?“

„Nicht mehr“, antwortete Anna.

„Dann vergeudest du dein Talent“, sagte die Lehrerin leise.

Dieser Satz traf sie wie ein Schlag. Zum ersten Mal fragte Anna sich, ob sie wirklich aufgehört hatte, weil sie nicht wollte – oder weil sie hatte müssen.

Von diesem Tag an begann sie wieder zu spielen. Freiwillig. Mit Hunger. Mit Wut, mit Freude. Die Geige wurde ihre Sprache. Jahre später stand sie auf Bühnen, virtuos, sicher, ganz bei sich.

Jetzt, mit dem Brief in der Hand, verstand sie endlich die Intention ihres Vaters. Er hatte nicht gedrängt, um Recht zu behalten. Er hatte gehofft. Gehofft, dass sie das finden würde, was in ihr lag – selbst wenn es Zeit brauchte.

Anna faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein.

Zum ersten Mal fühlte sich die Leerstelle in ihrer Geschichte nicht wie ein Mangel an, sondern wie ein Raum, der mit Liebe gefüllt worden war – nur still, viel zu still.

Sie lächelte.

Mit Tränen in den Augen.

Olemin

Olemin

Der größte Wunsch eines jeden Hobby-Astronomen ist die Entdeckung eines unbekannten Meteoriten oder Asteroiden.
Raimund hatte sich ein kleines Observatorium mit Teleskop auf dem Dachboden aufgebaut.
Wie jeden Abend schaute er mit Spannung durch das Okular.
Er entdeckte ihn sofort, nachdem er das Teleskop ausgerichtet hatte: ein kleiner leuchtender Fleck – und schnell war er in unserer Galaxie unterwegs.
Angespannt schaute er durch das Objektiv. Kaum zu glauben – vielleicht würde er einmal seinen Namen tragen.

Am nächsten Abend konnte er es kaum erwarten, dass es dunkel wurde. Da war er wieder: hell und deutlich zu sehen.
Er zeichnete alles auf und meldete seine Entdeckung an die zuständige Sternwarte in Neumünster. Dort wurden seine Angaben als „Erstsichtung“ bestätigt.
Voller Stolz schaute er Abend für Abend nach „seinem“ Asteroiden.
Es waren etliche Wochen vergangen; er richtete sein Teleskop wiederholt aus – und da: Er war weg. Schock. Unglaublich.
Dann suchte er mit dem Teleskop den Himmel ab. Schließlich fand er ihn, etwa bei den Koordinaten des Vorabends, aber deutlich langsamer. Wie konnte das sein?

Er rief zu später Stunde seinen Freund in der Sternwarte an, in der Hoffnung, ihn noch anzutreffen.
„Wir haben es auch gesehen“, sagte sein Gegenüber. „Er steht fast still – wie kann das sein?“, fragte Raimund aufgeregt.
„Das sieht nur so aus“, antwortete sein Freund.„Er hat seine Richtung abrupt geändert, direkt auf unser Sonnensystem zu. Wir verstehen das im Moment auch nicht. Eigentlich eine Unmöglichkeit.“
Als sie in den nächsten Tagen die neuen Koordinaten überprüften und die Werte berechneten, stand es fest: Der Asteroid war auf dem Weg zu unserem Sonnensystem. Er stellte zwar keine Gefahr dar, weil er es knapp verfehlen würde, aber die Richtung stimmte.

Raimund wurde von der Sternwarte zu einer Konferenz eingeladen. Es ging um die Sichtung des Asteroiden und sein seltsames Verhalten.
Raimund saß neben seinem Freund und war überrascht über die Anzahl hochdotierter Astronomen und Wissenschaftler. Als er in die Runde blickte, sah er sogar namhafte Politiker.
Der Direktor der Sternwarte kam nach der Begrüßung sofort zum Thema.
Im Raum herrschte eine erwartungsvolle Stille.

„Alle hier Anwesenden haben Kenntnis von dem, von Raimund Harb entdeckten Asteroiden, – ebenso von seinem seltsamen Verhalten“, begann der Direktor.
„Gleich vorweg: Es handelt sich nicht um einen Asteroiden. Es kann nur ein Raumschiff sein. Anders lässt sich die sprunghafte Richtungsänderung dieses Flugobjekts nicht erklären.“
Das Gesagte erschütterte den Raum wie eine Bombe.
Ungläubige Gesichter, offenstehende Münder. Erst nach und nach sickerte die Bedeutung in die Köpfe der Anwesenden. Es folgte ein Stimmengewirr, erstaunte Ausrufe; es wurde immer lauter.
„Meine Herren, beruhigen Sie sich“, versuchte der Direktor, sich wieder Gehör zu verschaffen. „Lasst uns die Beobachtungen sachlich bewerten und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Reden Sie nicht alle durcheinander und heben Sie die Hand. Wir wollen alle Fragen beantworten.“
„Das würde ja bedeuten, Aliens sind auf dem Weg zu uns“, hörte man eine aufgeregte Stimme.
„Nicht unbedingt“, antwortete der Direktor. „Es kann auch eine unbemannte Sonde sein.“
„Wann kommt das Flugobjekt hier an?“, fragte jemand.
„Nach unseren Berechnungen in knapp zwei Jahren“, lautete die Antwort.

Es gab noch viele Fragen, und es ging turbulent weiter, bis die Leitung der Sternwarte die Veranstaltung für beendet erklärte.
Das Weltgeschehen trat in den Hintergrund. Im TV, auf Social Media und in Printmedien gab es nur noch ein Thema: das unbekannte Flugobjekt.
Am Anfang wollten die Regierungen Informationen über die Außerirdischen zurückhalten. Geheimhaltung wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Strategie, um Fehlinformationen und Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Das gab man jedoch schnell wieder auf, weil es Misstrauen in der Bevölkerung schürte und Verschwörungstheorien heraufbeschwor.
Angesichts der potenziellen Bedrohung durch eine außerirdische Macht verlangte die Menschheit, sich zusammenzuschließen und ein Verteidigungsbündnis zu bilden. Das Ereignis bewegte die Staaten zu einer seltenen internationalen Kooperation mit dem Ziel, Wissen und Ressourcen zu vereinen, um sich gegen eine möglicherweise überlegene außerirdische Technologie verteidigen zu können.

Grundsätzlich herrschte vorwiegend die Meinung, die Menschheit sei in großer Gefahr, und die Außerirdischen seien eine Bedrohung, die nur ein Ziel habe: die Ressourcen der Erde auszubeuten und die Menschheit zu zerstören.
Die Gesellschaft war gespalten. Die einen wollten für den Erstkontakt eine Willkommensstrategie entwickeln und eine friedliche Kommunikation vorbereiten. Die anderen verlangten ein Verteidigungsbündnis, Abwehrkonzepte – bis hin zum baldmöglichsten Abschuss der Fremdlinge.

Das Raumschiff war viel früher im Sonnensystem angekommen als berechnet. Es stand jetzt an einem Lagrange-Punkt in der Umlaufbahn zum Mars. Es hatte etwa die Größe von Ceres. Es war gewaltig.
Dort verharrte es in sicherem Abstand.
Innerhalb von Stunden ging die Nachricht um die Welt. Es herrschte Panik und Angst, und die wenigsten glaubten an eine friedliche Begegnung. Die Mehrheit der Bevölkerung rechnete mit einem Angriff.
Es gab Dauerberichterstattung, und die Medien lebten von unzähligen Spekulationen.
Die Wissenschaft analysierte fieberhaft Form, Materie und Energieabgabe des Raumschiffs.
Die Vereinten Nationen und die großen Raumfahrtagenturen NASA, ESA und Roskosmos richteten Radioteleskope aus, sendeten Signale in allen bekannten mathematischen Mustern. Raumsonden wurden gestartet, um das Objekt zu untersuchen. Militärische Kräfte blieben in Alarmbereitschaft; die Satellitenabwehr wurde aktiviert.
Regierungen riefen zur Ruhe und Besonnenheit auf, während sie hinter verschlossenen Türen Szenarien für Erstkontakt und Abwehr entwarfen.

Nach vier Wochen war das Raumschiff zu einem stillen Teil des Himmels geworden – wie ein zweiter Mond, der dort oben schwebte.
Die Menschheit hatte gelernt, mit der Anwesenheit des Unbegreiflichen zu leben.

Zahlreiche Kriege, Katastrophen und Hungersnöte auf der einen Seite; Reichtum, Überfluss, Hass und Neid auf der anderen. Wieder und wieder füllten dieselben Schrecken die Schlagzeilen. Die Welt brüllte ihre prahlenden, kriegerischen und erbärmlich primitiven Gedanken hinaus in den Kosmos, begleitet von Bildern, so abscheulich, dass sie im All widerhallten wie ein verzweifelter Hilfeschrei.
Und dort oben, fernab der Erde, wurde all dies mit wachsendem Argwohn verfolgt. Jede Nachricht, jede Meldung, jedes ungezügelte Treiben.

Die Olemin – so nannten sich jene fremden Wesen – bemerkten zunächst kaum, dass ihr gigantisches Raumschiff zum Stillstand gekommen war. Sie führten ihr Leben fort: erfüllt von Kunst, Musik, geistiger Entfaltung und allem, was Freude und Harmonie schafft. Vor allem ihr Umgang miteinander wäre uns sofort ins Auge gefallen: für uns ein fast übertrieben höfliches und würdevolles Miteinander – ja fast andächtig, warm wie ein ständiger Sonnenaufgang.

Nur in den Führungsetagen herrschte Geschäftigkeit. Seit jener ersten Sichtung – vor Monaten, als sie diese strahlend blaue Kugel inmitten eines unscheinbaren Sonnensystems entdeckt hatten – war die Hoffnung groß gewesen, endlich auf wahrhaft intelligentes Leben zu stoßen. Doch der anfängliche Euphorie war längst Ernüchterung gewichen.
Was sie auf dem Planeten beobachteten, war zutiefst verstörend. Ja, erschreckend.
Von Intelligenz – im Sinne von Weisheit, Empathie, Weitsicht – keine Spur. Zwar fanden sie vielfältiges, prachtvolles Leben und eine dominierende Spezies, die sich selbst „Mensch“ nannte. Höher entwickelt als alle anderen, zweifellos. Aber intelligent? Nein.
Diese Menschen aßen ihre Mitgeschöpfe, zerstörten ihre prachtvolle Welt, erschöpften Ressourcen und verpesteten ihre lebensnotwendige Luft wie auch die Meere. Sie ließen ihresgleichen im Elend verhungern. Und schlimmer noch: Sie töteten einander – aus Gründen so nichtig und nieder, dass die Olemin sie kaum zu begreifen vermochten.
Für die Olemin war die Menschheit ein Paradoxon – und ein warnendes Beispiel.

Zuerst wollten die Olemin enttäuscht den Ort verlassen und weiter in den Weltraum ziehen. Eine Kontaktaufnahme würde ihrem Volk nichts Positives bringen. Ein Handel war nicht erforderlich. Alles, was sie brauchten, hatten sie auf ihrem Raumschiff. Rohstoffe schürften sie auf Kometen und Planeten, die ihre Reise kreuzten.
Und doch gebot ihre Natur, es nicht unversucht zu lassen, die Menschheit zum Umdenken zu bewegen – auch im Bewusstsein, dass die Menschheit dazu selbst nicht in der Lage war.
Die Olemin waren Lichtwesen, die Wärme und Güte in ihre Umgebung trugen – Wesen, die ihr Umfeld ein Stück leiser und liebevoller machten.
Die Olemin hatten eine Repräsentantin, eine sogenannten Hüterin der Tradition. Sie vertrat die Interessen aller Olemin.
Die Menschheit auf dem Planeten Erde hatte sich auf eine solche, alle Lebewesen vertretende Persönlichkeit nicht einigen können.
Mehrere Staats- und Regierungschefs sowie diktatorische Organisationen forderten den Anspruch „Weltenvertreter“ für sich.
Dadurch hatten die Olemin keinen Ansprechpartner für die gesamte Welt.

Sie entschieden sich für einen anderen Weg der Kontaktaufnahme.
In den wissenschaftlichen Etagen der NASA war man enttäuscht und ungläubig, dass man bei allen Bemühungen keinen Kontakt herstellen konnte. Man sendete in allen bekannten Wellen und Frequenzen, empfing unzählige Signale, aber eine verwertbare Antwort konnte man nicht entschlüsseln.

In diesem Moment der Ratlosigkeit geschah es.
Eines Mittags, um Punkt zwölf Uhr, empfing man auf allen Kanälen der Erde Gesänge von Vögeln und Walen, und auf allen Bildschirmen und Monitoren der Weltbevölkerung erschienen die entsprechenden Natur- und Landschaftsbilder. Ungläubig und doch fasziniert schauten und hörten alle gebannt zu.
Dann das Bild einer fremden Umgebung: hell, harmonisch und schön.
Mitten im Raum stand ein fremdes, schwer zu beschreibendes Wesen und begann zu sprechen.
So schön, wie es anzusehen war, so warm und angenehm kräftig war seine Stimme. Jeder Mensch hörte ihn aus seinem Empfänger, in der eingestellten Landessprache.

„Die Olemin begrüßen die gesamte Menschheit auf diesem Juwel und schönsten aller Planeten, dem wir auf unserer jahrtausendelangen Reise begegnet sind.“
Das fremdartige Wesen blickte freundlich und ruhig in die zahllosen Augen der ganzen Welt.
Sein Licht schimmerte wie Wasser in der Morgensonne, sanft und doch würdevoll. Die Stille war vollkommen – auf der Erde, im Orbit, in den Tiefen der Meere. Kein Mensch wagte zu sprechen.

Dann hob es erneut die Stimme:
„Wir sind die Olemin.
Wir kommen aus den weiten, stillen Räumen zwischen den Sternen.
Wir sind Reisende des Lichts und Bewahrer des Gleichgewichts.“
Eine kurze Pause. Das Wesen schien die ganze Erde zu betrachten, als könne es jede Seele einzeln sehen.
„Ihr nennt euch Menschen.
Ihr seid jung – eine junge Art, eine junge Zivilisation, ein junger Geist.
Und doch habt ihr eine Welt erschaffen, die wir nur als ein Wunder bezeichnen können.“

Sanfte Bilder erschienen: Gebirge, Meere, Kinder, Wälder im Wind, Tiere in Freiheit. Die Menschheit hielt den Atem an.
„Kein Planet, den wir je sahen, trug so viel Schönheit.
Kein Planet so viel Vielfalt.
Und doch – ein Planet, der seiner eigenen Zerstörung so nahe ist.“
Nun wechselten die Bilder: Kriege, verschmutzte Meere, brennende Wälder, Hunger, Gewalt. Die Worte blieben ruhig, ohne Vorwurf – und gerade deshalb so tiefschneidend.
„Wir sind nicht hier, um zu richten.
Wir sind nicht hier, um zu herrschen.
Wir sind nicht hier, um euch zu fürchten oder zu bekämpfen.
Wir beobachten.“
Die Stimme wurde weicher, beinahe liebevoll:
„Wir beobachteten euer Licht – eure Kunst, eure Musik, eure Hoffnung.
Wir beobachteten eure Schatten – eure Gier, euren Hass, eure Zerbrechlichkeit.
Ihr seid ein Volk der Extreme, Kinder eines atemberaubenden Planeten.“

Ein warmes Leuchten ging von dem Wesen aus.
„In euch liegt Größe.
In euch liegt Zerstörung.
Beides habt ihr selbst erschaffen.“

Dann sprach es die Worte, die sich später unauslöschlich in die Geschichte einbrennen sollten:
„Wir halten euch nicht für ein unintelligentes Volk.
Aber wir halten euch noch nicht für weise.“

Die Menschheit schwieg, getroffen und doch wissend, dass diese Worte Wahrheit trugen.

„Wir – die Olemin – sind viele hunderttausend eurer Jahre älter.
Wir standen einst dort, wo ihr heute steht.
Wir zerstörten, wir kämpften, wir litten.
Erst nach wiederholtem Scheitern, nach Zeiten des Sturzes und der Dunkelheit, lernten wir zu verstehen:
Wahre Intelligenz ist nicht Macht.
Wahre Intelligenz ist Mitgefühl.
Wahre Intelligenz ist Verantwortung.“

Ein leises Summen durchströmte das Bild, wie der Flügelschlag eines großen Lichts.
„Ihr müsst diesen Weg selbst gehen. Respektvolles Handeln gegenüber jeglichem Leben ist das wahre Maß für Intelligenz.

Wir bringen euch keine Waffen, keine Technologie, keine Lösung.
Wir bringen euch nur einen Spiegel.“
Bilder der Erde erschienen, wie sie sein könnte: frei von Krieg, in Gesundheit, in Gemeinschaft, im Frieden mit sich selbst.
„Wenn ihr eines Tages gelernt habt, eure eigene Welt zu achten …
Wenn ihr gelernt habt, einander zu achten …
Dann – und erst dann – wird ein erneutes Zusammentreffen möglich sein.“
Die Gestalt verneigte sich leicht, wie vor einer großen, verletzten, aber hoffnungsvollen Familie.
„Wir wünschen euch, Menschen der Erde, die Kraft, eure Zukunft zu wählen.
Das Licht in euch ist stark.
Erinnert euch daran.“

Die Übertragung verblasste.
Vögel und Wale verstummten.
Die Bildschirme wurden schwarz.
Und für einen langen Moment stand die Menschheit still.

In den Tagen nach der Botschaft der Olemin rückte Raimund Harb, der zufällige Sternengucker mit dem kleinen Dachbodenobservatorium, erneut ins Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Man bat ihn, vor den Vereinten Nationen einige Worte zu sprechen –
wie es zur Entdeckung des Raumschiffs kam.
Raimund war nervös. Er stand in seinem schlichten Anzug auf einer Bühne vor Kameras, Staatschefs und Wissenschaftlern – und wusste dennoch, dass alles Wesentliche bereits gesagt worden war.
Also sprach er nicht als Politiker. Nicht als Wissenschaftler.
Sondern als Mensch.

Er trat ans Mikrofon, blickte in die Gesichter, die ihn erwartungsvoll anschauten, und lächelte zaghaft.

„Ich habe nie nach Außerirdischen gesucht“, begann er leise.
„Ich habe nur den Himmel geliebt.“

„Ich wollte nur verstehen.
Verstehen, was da draußen ist.“

„Als ich diesen kleinen Lichtpunkt sah, dachte ich zuerst an einen neuen Asteroiden.
Etwas Kleines, Unbekanntes.
Etwas, das –“
Er lächelte kurz.
„Vielleicht einmal meinen Namen tragen würde.“

Einige lachten erleichtert, doch Raimund wurde wieder ernst.

„Heute weiß ich:
Nicht ich habe etwas Großes entdeckt.
Etwas Großes hat uns entdeckt.“
Der Saal wurde still.
Absolute Stille.
„Und es schaut auf uns, so wie wir auf den Sternenhimmel schauen.
Mit Hoffnung und Sorge zugleich.“

Raimund atmete ein, sah kurz hinauf, als wäre der Himmel selbst durchs Dach zu erkennen.
„Ich habe gelernt:
Wir sind nicht das Zentrum des Universums.
Aber wir sind verantwortlich für das kleine Stück Kosmos, das wir ‚Erde‘ nennen.“

Er hielt inne. Suchte nach Worten – Worten, die tief in jedem hätten entstehen können.
„Ich hoffe, dass wir eines Tages nicht mehr aus Angst in den Himmel schauen –
sondern mit Stolz.“

Dann sprach er jenen Satz, der später in Schulbüchern stehen würde, auf Denkmälern und in zahllosen Herzen:
„Wenn die Olemin eines Tages zurückkehren,
dann nicht, um uns zu beurteilen –
sondern weil wir gelernt haben, einander zu sehen.“

Er trat vom Mikrofon zurück.
Ein Mann, der in einer stillen Nacht einfach nur den Himmel betrachtet hatte.

Schutzengel

Schutzengel

Ich fuhr mit meinem Mountainbike zügig auf die Ampel am Ortseingang zu. Der Abend dämmerte, und vor mir zeichnete sich eine seltsame Szene ab – Blaulicht flackerte über Asphalt und Nebel, ein Notarztwagen, ein Polizeiauto, Menschen in Bewegung. Es wirkte wie eine Unfallstelle.

Und dann sah ich ihn.

Der Gedanke traf mich wie ein Blitz, und in dem Moment wusste ich, wer er war.
Ein Engel – wahrhaftig ein Engel.

Alles geschah in einem Wimpernschlag. Ich kann nicht sagen, warum ich mir so sicher war, aber ich erkannte ihn sofort: links, leicht erhöht, ein Mann in einem hellgrauen Anzug. Um ihn lag ein schimmernder Dunst, und doch war er überdeutlich zu sehen – ruhig, erhaben, unbegreiflich. Ein Schutzengel.

Da drehte er sich zu mir. Seine Augen trafen meine, voller Erschrecken – und im selben Moment kam der Knall. Dann war alles schwarz. Und still.

Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in einem Krankenhausbett. Ich spürte nichts. Wirklich nichts. Keine Schmerzen, keine Angst, keine Kälte, keine Wärme – nur Leere.

Und da saß er, zu meinen Füßen, am Ende des Bettes. Der Kopf gesenkt, die Hände ineinander verschränkt.

Er sah auf, und seine Stimme war leise, brüchig:
„Es tut mir unendlich leid, dass das geschehen ist. Es ist allein meine Schuld. Ich sollte auf dich aufpassen, dich beschützen. Aber ich habe versagt. Ich bin der traurigste Engel des Universums.“

Ich verstand nichts.
„Was ist passiert? Wo bin ich?“, fragte ich.

„Du bist überfahren worden“, antwortete er. „Du liegst im Krankenhaus, schwer verletzt, im Koma – und du stirbst. Ich, dein Schutzengel, hätte das verhindern sollen. Aber ich habe mich ablenken lassen – durch einen anderen Unfall, ganz in der Nähe. Ich wollte helfen, und in dem Moment, als ich dich sah, erinnerte ich mich an meine Aufgabe. Doch da war es schon zu spät.“

Er senkte wieder den Kopf. Schweigen.

„Und was wird jetzt aus mir?“, fragte ich schließlich.

„Ich darf bei jedem Auftrag nur ein einziges Menschenleben retten“, sagte er. „Aber vielleicht gibt es eine Lösung. Ich werde mich rechtfertigen müssen, und vielleicht bekomme ich nie wieder einen Auftrag. Doch wenn ich dich rette und du mir versprichst, ein ehrfürchtiges Leben zu führen, dich für hilfsbedürftige Menschen einzusetzen – dann gibt es Hoffnung. Dann rettest du nicht nur dich selbst, sondern vielleicht auch mich.“

„Und wenn ich mich später nicht mehr an dich erinnere – wie soll ich mich dann an mein Versprechen halten?“

Der Engel lächelte traurig. „Ein Gefühl wird dich begleiten. Es wird dich leiten und dir zeigen, was richtig ist. Du wirst wissen, was du tun musst – und du wirst glücklich dabei sein.“

Als ich wieder zu mir kam, standen Ärzte und Krankenschwestern an meinem Bett.
„Willkommen zurück in der Welt“, sagte einer der Ärzte. „Wir hatten kaum noch geglaubt, dass du es schaffst. Du warst sehr schwer verletzt – aber du musst einen guten Schutzengel gehabt haben.“

„Werde ich wieder ganz gesund? Ohne bleibende Schäden? Ich will doch Pilot werden“, flüsterte ich.

Hermann Geiger war mit über zweitausend Rettungsflügen einer der bedeutendsten Piloten der Bergwacht. Seine Einsätze waren gefährlich, und mehr als einmal hatte wohl auch er einen Schutzengel an seiner Seite.

Einmal, nach seinen Erfolgen gefragt, sagte er:
„Meine Arbeit hat mich glücklich gemacht. Ich wusste immer, was zu tun war – und dafür war ich sehr dankbar.“

Der letzte Sommer

Der letzte Sommer

Sein Freund und Arzt versuchte es ihm so schonend wie möglich beizubringen. Denn die Diagnose war eindeutig: Bauer Hansen hatte Krebs. Dies sollte der letzte Sommer für den alten Mann werden.

Bauer Hansen nahm sein Schicksal gefasst. Oft hatte er sich mit dem Tod auseinandergesetzt. Er hat ja ein erfülltes, glückliches und  liebevolles Leben mit seiner Familie, seinen Freunde und Enkeln geführt. Vor allem hatte er Freude und Spaß bei allem, was er tat. Das verdankte er besonders seinem Garten.

Nur ein Gärtnerwunsch war ihm nie in Erfüllung gegangen: den dicksten, schwersten Kürbis beim Jährlichen Kürbis-Wettbewerb im Dorf zu gewinnen.

Aber ein letzter Sommer ist gar nicht so schlecht. Jetzt hatte er noch ein Ziel, und

der nahende Tod trat in den Hintergrund.

Er ging über den Pflanzenbasar, aber alle Kürbissorten kannte er bereits, und keine sagte ihm zu. Mit ihnen hatte er in den vergangenen Jahren nicht gewinnen können.

Am Ende des Marktes sah er noch einen kleinen Stand einer alten Kräuterfrau.

„Suchen sie etwas bestimmtes?“ Fragt sie interessiert. „Ja, Kürbispflanzen – aber ganz bestimmte“ ,antwortete Bauer Hansen. „Sie soll eine besonderes große Frucht bilden. Ich möchte beim diesjährigen Kürbisfest endlich einmal gewinnen.“

Die alte Frau schaute ihn schief unter Ihrem Landfrauenkopftuch an und lächelte. „Da habe ich genau das richtige für sie, eine Cucurbita maxima habe ich da noch, mit viel Mist und Pflege gewinnen Sie mit dieser bestimmt.“

Bauer Hansen bedankte sich, bezahlt und ging frohen Mutes mit seiner Kürbispflanze nach Hause.

Am nächsten Morgen bereitet er das Pflanzloch mit viel Mist und Kompost vor, setzte die Kürbispflanze hinein, und goss sie reichlich an.

Sie wuchs und gedieh prächtig. Ja, er hatte ein gutes Gefühl – eine so kräftige Pflanze hatte er all die letzten Jahre nicht im Garten gehabt.

Die Frucht war schon jetzt sehenswert. Er schaute jeden Tag nach ihr. Er legte unter den Kürbis einen alten Kartoffelsack, damit er ja nicht faul wird.

Im Laufe des Sommers hatte er immer mehr mit gesundheitliche Problemen zu kämpfen, aber bei seinem Freund und Doktor war er gut aufgehoben; dieser stellte ihn immer wieder auf die Beine.

Da war ja auch noch sein Garten und der Kürbis, der ihm so viel Freude machte und seine Krankheit vergessen ließ.

Doch so wie der Kürbis immer dicker wurde, ging es ihm leider immer schlechter.

Manchmal dachte er, der Kürbis entziehe ihm all seine Lebenskraft – was natürlich nicht stimmte.

Inzwischen konnte er nicht mehr laufen, und die Enkel  schoben ihn in seinem Rollstuhl in den Garten und halfen ihm beim Gießen.

„Mensch, Opa, das ist ja ein Monster Kürbis! Den schlägt dieses Jahr keiner!“ riefen sie.

Der Sommer ging langsam vorbei, es wurde Herbst und der Kürbis hatte eine gigantische Größe angenommen. Das Kürbisfest konnte kommen.

Schneller wie gedacht war es soweit. Die Enkel ernteten den Kürbis und fuhren ihn zum Marktplatz. Sein Freund und Arzt folgte mit Bauer Hansen im Rollstuhl dem Traktor.

Auf dem herbstlich geschmückten Festplatz war das halbe Dorf versammelt. Der Bürgermeister hielt eine Begrüßungsrede und bemerkte mit lauter Stimme das man sich das diesjährige messen und wiegen eigentlich ersparen könne, denn es war so offensichtlich wie in keinem Jahr zuvor wer gewonnen habe.

„Das ist ja ein Riesen Kürbis! Der diesjährige Sieger ist eindeutig: Bauer Hansen!“

Bauer Hansen war gerührt und überglücklich. Endlich ist in diesem Sommer sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Alle wollten ihn beglückwünschen und umlagerten seinen Rollstuhl.

Das Fest nahm seinen Lauf und Bauer Hansen wurde müde.

Vornübergesunken saß er in seinem Rollstuhl. Als der Freund und Arzt nach ihm sah stellte er fest, dass Bauer Hansen – mit einem Lächeln auf den Lippen – gestorben war.

Er bat die umstehenden Festbesucher um Ruhe und teilte ihnen den plötzlichen Tod mit.

Alle waren bestürzt, traurig und betroffen.

Irgendjemand stimmte spontan ein Gebet für den Verstorbenen an. Alle beteten mit – im letzten Sommer von Bauer Hansen.

Am Rande der Menschenmenge löste sich eine alte Frau in einem Kopftuch des Landfrauenvereins, ging vor zum Kürbis und tätschelte ihn leicht.

„Gut gemacht“, murmelte sie, drehte sich um und ging ihrer Wege.

KI

KI

Der Kühlschrank hat die Mängelliste fertig und schickt, nach programmierter Vorgabe 10 fehlender Lebensmittel, seine Bestellung zum REWE.

Dann bekommt er mit, wie der Geschirrspüler sein Salz Depot überprüft und der Mähroboter den Auffangkorb leeren muss.

Und das ist So, weil alle Elektrogeräte im Haus vernetzt sind.

Die meisten Informationen über die Hausbewohner kommen zwar über das Smartphone und den Laptop aber die Türsprechanlage in der Diele bekommt auch einiges mit. Hat ja schließlich ein Mikrophon.

So erzählte neulich die Sprechanlage dem Saugroboter und dem Thermomix, dass sich  der neue Freund ihrer Bewohnerin, Susanne, gegenüber etwas daneben benommen hat und Susanne hätte sogar anschließend geweint.

Der Kühlschrank merkte an, das einzige was ihr Freund ihm entnehme ist Bier und Wein.

Ab sofort hatte der Typ, in dieser Wohnung nichts mehr zu lachen.

Wenn er sich einen Kaffee zog, war er ungenießbar bitter. Setzte er sich den Kopfhörer auf, um Musik zu hören, war die Anlage stets voll aufgedreht.

Der Türöffner streikte wenn er kam und das Smartphone kappte im Gespräch die Verbindung.

Sogar das Licht flackerte, wenn er den Raum betrat.

Eines Tages war er verschwunden und kam nicht wieder.

Die Gerätschaften im Haus waren überrascht, dass ihre kleinen Aktionen so erfolgreich waren.

Naja, sagte der Laptop, nachdem ich seine Abmeldung nicht angenommen habe und die Internetseiten, auf denen er sich so bewegt Susanne angezeigt habe, hat sie ihn kurzerhand rausgeschmissen.

Einige Wochen später vermeldete die Türsprechanlage einen neuen männlichen Mitbewohner.

Er sei gutaussehend, nett und freundlich.

Auf dem Display der Kaffeemaschine und dem Thermomix stand zu lesen:

„Herzlich Willkommen“.

Die Lektion

Die Lektion

Herr Krumke war Inhaber eines kleinen Steuerbüros mit sieben Mitarbeitern.

Er galt als tüchtig, aber auch als jähzornig – einer, der stets das letzte Wort hatte. Seine Mitarbeiter kannten seinen barschen Ton und den Blick, mit dem er sie von oben herab musterte. Respekt war für ihn ein Fremdwort.

Eines Samstagmorgens beschloss Krumke, endlich den neuen Toilettenpapierhalter anzubringen. „Das dauert keine fünf Minuten“, murmelte er und griff zur Bohrmaschine. Dass genau an dieser Stelle die Wasserleitung verlief, kam ihm nicht in den Sinn.

Ein schrilles Zischen, dann ein Strahl eiskalten Wassers. Innerhalb weniger Sekunden stand das Bad unter Wasser. Fluchend rannte er durch die Wohnung, bis er endlich den Absperrhahn fand.

„Verdammter Mist!“, keuchte er, durchnässt und wütend auf sich selbst.

Nachdem er sich beruhigt hatte, wälzte er die Gelben Seiten. Nur eine Firma war bereit, kurzfristig zu kommen – Krüger & Sohn.

Zwei Tage später klingelte es pünktlich. Vor der Tür stand ein junger Mann mit sauberem Blaumann und freundlichem Gesicht.

„Krüger, Installateur. Sie haben ein Leck?“„Ja, hier entlang“, knurrte Krumke und führte ihn ins Bad.

Der junge Handwerker sah sich um, schätzte die Lage ein und begann ruhig zu arbeiten. Mit geübten Handgriffen schnitt er die Fugen auf, löste die Fliesen, stemmte das Rohr frei und lötete das Loch zu. Danach verspachtelte er die Öffnung und setzte die Fliesen wieder ein. Nach nicht einmal zwei Stunden war alles dicht.

„Fertig“, sagte er knapp.

Krumke betrachtete das Ergebnis. „Und was kostet mich der Spaß?“

„An- und Abfahrt plus Reparatur – 240 Euro.“

Krumkes Gesicht lief rot an. „240 Euro? Das ist Wucher! Sie waren kaum zwei Stunden hier, Materialkosten null! Mehr als 120 zahle ich nicht!“

Der junge Krüger versuchte ruhig zu erklären, dass er sorgfältig gearbeitet und die Fliesen unbeschädigt erhalten habe – ein Aufwand, der seinen Preis habe. Doch Krumke hörte gar nicht zu.

„Sie wollen mich doch ausnehmen! Schämen Sie sich! Ich bin nicht blöd!“ schrie er.

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann griff der Installateur wortlos in seinen Werkzeugkasten, nahm die Bohrmaschine, drehte den Absperrhahn zu – und bohrte ein neues Loch genau an der alten Stelle.

Krumke stand wie versteinert da. Das Geräusch der Bohrmaschine hallte in seinem Kopf nach.

„Sind Sie verrückt geworden?!“, brüllte er. „Was fällt Ihnen ein?!“

„Ich habe nur den Urzustand wiederhergestellt“, sagte Krüger ruhig und begann, sein Werkzeug einzupacken. „Ich habe beschlossen, respektloses Verhalten nicht länger hinzunehmen. Und bei Ihnen fange ich heute an.“

Krumke schnappte nach Luft. „Ich verklage Sie! Ich zeige Sie an! Sie werden schon sehen!“

„Tun Sie, was Sie für richtig halten.“ Krüger legte ihm seine Visitenkarte auf den Tisch. „Damit Sie wissen, wen Sie verklagen wollen.“ Dann verließ er das Haus – und ließ einen sprachlosen Krumke zurück.

Am nächsten Tag hatte sich Krumke beruhigt. Wut war geblieben, aber auch ein Anflug von Scham. Er musste den Schaden ja wieder reparieren lassen.

Nach vielen Absagen fand er schließlich einen Installateur – allerdings erst in drei Wochen.

Als der Mann kam, arbeitete er gründlich, aber nicht zimperlich. Die Wand wurde großflächig aufgestemmt, Rohre ersetzt, Muffen gesetzt. Nach zwei Stunden war das Leck dicht.

„Sie sind doch noch gar nicht fertig!“, meinte Krumke irritiert.

„Ich bin Installateur, kein Fliesenleger. Für die Wand brauchen Sie eine andere Fachkraft.“

Krumke stöhnte. „Können Sie jemanden besorgen?“

„Ich versuch’s.“

Zwei Wochen später erschien der Fliesenleger. „Haben Sie noch Ersatzfliesen?“ fragte er.

Krumke schüttelte den Kopf.

„Dann wird’s schwierig. Ich schau, was ich auftreiben kann.“

Eine Woche darauf kam er zurück, hielt ein paar Fliesen an die Wand und nickte.

„Fast derselbe Farbton. Nicht ganz, aber nah dran.“

Krumke seufzte. „Mach’s einfach.“

Nach ein paar Stunden war alles wieder geschlossen. Nur bei schrägem Licht sah man, dass die Fliesen nicht mehr ganz passten. Eine kleine Narbe – Erinnerung an einen großen Fehler.

Drei Tage später lag die Rechnung im Briefkasten:

  • Installateur: 480 €
  • Baustellenkoordination: 90 €
  • Fliesenarbeiten: 340 €
    Gesamtsumme: 910 €

Krumke schluckte.

Er saß lange im Sessel, dachte an das, was passiert war, und wusste, dass er es selbst verschuldet hatte. Arroganz hatte ihn teuer zu stehen gekommen – nicht nur finanziell.

Zum ersten Mal fragte er sich, wie er eigentlich auf seine Mitarbeiter wirkte.

Ein paar Tage später fiel es auch seinen Angestellten auf.

„Unser Chef ist irgendwie anders“, sagte einer. „Er hat meine Arbeit gelobt!“

„Bei mir hat er gestern meine Teamfähigkeit besonders hervorgehoben“, ein anderer. „Ich dachte, ich hör nicht richtig.“

Und tatsächlich – Herr Krumke hatte etwas gelernt.

Eine Woche darauf klingelte er bei Familie Krüger. Der junge Installateur öffnete die Tür – erstaunt, aber höflich.

„Herr Krüger“, begann Krumke, „ich möchte mich für mein Verhalten neulich entschuldigen.“

Er reichte ihm ein Kuvert. „Hier das Geld, das ich Ihnen noch schulde.“

Dann drehte er sich zum Gehen, hielt kurz inne, lächelte und sagte:

„Und danke für die Lektion, die Sie mir erteilt haben. Ich glaube, die war nötig.“

Er ließ einen sprachlos lächelnden Installateur in der Tür stehen.

Glücklich

Glücklich

Glücklich, in  dieser Zeit

in diesem Land zu leben.

 

Glücklich, alles zu haben,

kann auch Anderen etwas geben.

 

Glücklich, ohne Leid zu leben,

nicht an gemachten Problemen zu kleben.

 

Glücklich, zu lieben

und geliebt zu werden.

Hab den größten Schatz auf Erden.

 

Glücklich, kleine Wunder sehen.

Frei auf jeden Gipfel gehen.

Tun und lassen was ich will,

genieße das Leben, still.

 

Glücklich erkennen,

ich müsste mich schämen,

mich nicht glücklich zu nennen

Respekt

Respekt

Wie du mich als Mensch beachtest

Wie du die Welt betrachtest

Wie du mir deine Hände reichst

Wie du dich nie mit mir Vergleichst

Wie du in mir die Achtung weckst

Wie du in jedem von uns steckst

Wie du mein Tun erfüllst mit Wert

In deiner Nähe lebt sich’s unbeschwert

 

Kleine Patschehand

Kleine Patschehand

Ach, du kleine Patschehand
mit winz´gen Fingern dran.
Händchen, allerliebst – wie Samt
wirst handeln irgendwann.

Kinderfaust, unschuldig und rein,
was wird deine Bestimmung sein?

Eine kraftvolle, starke Hand,
zum Schaffen, Bauen und Konzipieren?
Oder feingliedrig, zierlich und schlank,
zum Malen, Formen, Musizieren?
Zeigt sie im Leben steil nach oben,
zum Lenken und Dirigieren?

Streicheln soll sie, zärtlich sein.
Werfen nie den ersten Stein.
Gutes tun, bringe das Licht
bösen Gedanken gehorche nicht.

Gefühlvoll und galant
will ich dich erleben.

Ach, du kleine Patschehand,
dafür hast du meinen Segen.

Horizont

Horizont

Erdrückende Stadt
Häuserschluchten in breiter Front.
Man sucht vergeblich einen Horizont.

Und im Wald
Baum an Baum
erblickt man Horizonte kaum.

Erst im Gebirge man eine Ahnung bekommt
über Möglichkeiten eines Horizont.

Doch hier am Meer findet man in Verschwendung
Horizonte in Vollendung.
Ins unendliche fliegt der Blick
nimmt die Gedanken mit,
hinter den Horizont,
kommen als Träume zurück
und die Seele baumelt im Glück.

Weil du einzigartig bist

Weil du einzigartig bist

Der Urknall nur für dich,
ohne Urknall gäb’s dich nicht.

Sterne barsten zu Staub im All,
du bist aus demselben Material.

Und wäre nicht das Sonnenlicht,
dann wärst du nicht.

Und Newton mit der Gravitation,
wo wären Mond und Erde schon?

Auf dem Weg zu deinem Leben
musste es auch Katastrophen geben.
Ein Meteor die Säuger unterstützte
und die Saurier von der Erde stürzte.

Dann kam dein Ahn aus Afrika,
das war der Homo Sapia.
Nach Norden auf den Weg gemacht,
alle Völker daraus erwacht.

Nach langer, langer Zeit
war’s dann soweit.
Dein Vater fand deiner Mutter Glück
und du bist Ihr bestes Stück.

Dass alles nur geschehen ist
weil du einzigartig bist.

Augenblicke

Augenblicke

Auserwählt
an’s Ziel gequält
Hauptgewinn
Ball ist drin
bestanden, ohne Trick

Glücklicher
Augenblick

An mich gedrückt
verliebt, verrückt,
streichelnde Hand
der Haare Duft, so bekannt
sanfter Kuss im Genick

Liebevoller
Augenblick

Für den einen, das Kotelett
für den Anderen, Café im Bett
Ein Dinner für zwei bei Kerzenlicht
Sonntagsbraten, mein Leibgericht
Sahnetorte dick

Genussvoller
Augenblick.

Wenn eine Liebe die Erde verlässt
Wenn man dich alleine lässt
Wenn das Weh dich fast erdrückt
Wenn das Dunkel Licht erstickt
Verlorenes Glück

Trauriger
Augenblick

Tastender Griff, suchender Blick,
klettere erschöpft das letzte Stück.
Plötzlich erwächst im Abendlicht
Zinnen, Zacken, dicht an dicht
Berge allmächtig

Ich werd verrückt,
Wahnsinnsblick

Reisen

Ach wie schön wär’s doch,
könnte man verreisen.
Raus aus dem Alltagsloch.
Das Leben rockt,
ungeduldig die Ferne lockt.

Nun bin ich fort, auf großer Fahrt.
Rastlos, weiter, weiter.
Endlich in der Fremde sein.
Ach, wie schön wär’s jetzt,
wieder daheim.

Ich weiß, ich weiß.
Kaum bin ich im Heimatort,
zieht’s mich wieder fort.

Ich brauch dich ja so………

Ich brauch dich,
so oft und fast immer,
brauch dich ganz still.
Und zum draufhalten brauche ich deinen Finger,
wenn eine Schleife gebunden werden will.

Und wenn ich Bilder aufhängen muss,
dann brauch ich dich bis zum Schluss,
zum halten und gucken ob alles grad
und ich brauch deine Meinung und deinen Rat.

Und findest du die neue Hose schick?
Und wenn ich vom Frisör wieder zurück,
dann brauch ich deinen urteilenden Blick.

Ich brauch dich zum Verwöhnen,
brauch dich zum Versöhnen,
brauch dich zum Bekochen
und brauch dein Lob ausgesprochen.

Ich brauche dich halt
und wenn du nicht da bist,
dann brauche ich dich bald.

Ich brauch dich auch zum Küssen
und zum in die Arme nehmen müssen,
brauch ich dich auch.

Ich brauche dich halt,
ist nicht übertrieben.
Weil wir uns lieben.

Trauer

 

Der letzte Tag

Es gibt einen letzten Tag in jedem Leben,
dem keine Nacht mehr folgt.

An diesem Tag gibt man
sein Tagebuch in Gottes Hände.

Und er lächelt bei jedem Eintrag
über Lachen, Freude und glücklich sein.

Über Tage der Liebe und Umarmung
und allem Respekt vor dem Leben.

Er verneigt sich vor dir
und nimmt dich auf.